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{"id":1,"date":"2016-07-11T09:03:02","date_gmt":"2016-07-11T09:03:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=1"},"modified":"2016-07-28T14:35:44","modified_gmt":"2016-07-28T14:35:44","slug":"hello-world","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=1","title":{"rendered":"Erich Hackl als Gast im Musischen Gymnasium"},"content":{"rendered":"<h5>stellte sich am 3. April 2000 im Festsaal den Fragen unserer Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen zu:<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>\u201eAuroras Anlass\u201c (1987)<\/h3>\n<h3>\u201eAbschied von Sidonie\u201c (1989)<\/h3>\n<h3>\u201eSara und Simon\u201c (1995)<\/h3>\n<h3>\u201eVersuch einer Liebe auf den ersten Blick\u201c (1998)<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><span style=\"color: #ff9900;\">(ABGEDRUCKT IM JAHRESBERICHT DES MUSISCHEN GYMNASIUms 1999\/2000)<\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im hohen Mittelalter zogen die Poeten, zum Beispiel die Minnes\u00e4nger, von Burg zu Burg, im Gep\u00e4ck eine gereimte Huldigung an den anwesenden M\u00e4zen und seine Gemahlin, einen Spottvers an dessen politischen Gegner, ein hochmodernes, unerh\u00f6rtes Liebeslied, auch mal ein existenzialphilosophisches Gedicht. Mit ihrem Gesang und Vortrag verdienten sich diejenigen, die nicht adeliger Abstammung waren und das Reimen als Hobby betreiben konnten, ihr Brot und schufen sich mit ihrer Anwesenheit an st\u00e4ndig wechselnden H\u00f6fen, auch mal wie beim ersten Eurosongkontest auf der Wartburg zur Ermittlung des Besten unter ihnen, einen Namen. Sie fungierten als lebende Zeitungen, repr\u00e4sentierten in ihren Epen die Ideale des neuen Standes der Ritter und waren insgesamt begehrte Unterhaltungsartikel an einem Hof, der sich ansonst oft genug gelangweilt hat. Diese exklusive Dichtung kam in diesen fr\u00fchen Tagen der Literaturgeschichte durch<em> m\u00fcndlichen Vortrag<\/em> an das nur ausnahmsweise alphabetisierte (h\u00f6fische) Publikum. Die Poeten z\u00e4hlten zum fahrenden Volk und waren schon damals Vertreter in eigener Sache, wenn sie sich als klingende Marke etablieren wollten, wie es beispielsweise Walter von der Vogelweide einstens gelang.<\/p>\n<p>Vieles hat sich ge\u00e4ndert seit den letzten 800 Jahren. Mit dem Buchdruck im 15. Jahrhundert und der fortschreitenden Urbanisierung der Literatur, abgeschlossen im 18. Jahrhundert durch die Etablierung eines b\u00fcrgerlichen Literaturbetriebes, wandelte sich die Beziehung des Autors zu seinem Publikum zu einem <em>indirekten<\/em>, eben \u00fcber die Ware Buch vermittelten, aus der der Autor in der Regel als Kommunikationspartner ausscheidet. F\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Leser tritt er leibhaftig nur mehr ausnahmsweise in Erscheinung. Der Autor selber freilich, wenn er nicht zu den Spitzenverdienern in seiner Klasse z\u00e4hlt \u2013 und der b\u00fcrgerlich-kapitalistische Literaturbetrieb l\u00e4sst wie beim Starkult in den anderen Kulturbereichen auch nur einige wenige an die Sonne, z\u00e4hlt nach wie vor zu den Fahrenden. Er tingelt von Lesung zu Lesung, kreuz und quer durch \u00d6sterreich, durchs deutschsprachige Ausland, meistens tief in die Provinz hinein und hundertmal mit demselben Programm und den immer gleichen Fragen an ihn. Denn die AutorInnen sind, was der Literaturbetrieb eine promotion tour nennt, auf die Eink\u00fcnfte aus diesen Lesungen angewiesen. Vom Schreiben und Verkauf auch eines gut gehenden Romanes allein kann, wie in den einschl\u00e4gigen Studien \u00fcber die Einkommensverh\u00e4ltnisse und die soziale Lage der \u00f6sterreichischen LiteraturproduzentInnen nachzulesen ist, kaum einer\/eine leben. In dieser Hinsicht z\u00e4hlen sie, wie gesagt, zum fahrenden Volk, fallen wohl nicht mehr den R\u00e4ubern in die H\u00e4nde, wohl aber mal einer Krankheit zum Opfer, weil und wenn sie keine Sozial- oder Rentenversicherung haben, die sie sich nicht leisten k\u00f6nnen. Wie schon ihre mittelalterlichen Vorfahren sind sie auf M\u00e4zene angewiesen und deren finanzielle Zuwendungen und Beg\u00fcnstigungen. Stipendien \u00f6ffentlicher und privater Einrichtungen, Literaturpreise, von Institutionen des Literaturbetriebes organisierte Lesungen oder gesponserte Studienaufenthalte sind Ausdruck modernen M\u00e4zenatentums, auf deren Nutzung die AutorInnen angewiesen sind, wenn sie ein der Lebensqualit\u00e4t ihres Lesepublikums ad\u00e4quates Leben f\u00fchren wollen und sich doch meist nur die Rahmenbedingungen schaffen k\u00f6nnen f\u00fcr ein neues arbeitsreiches literarisches Unterfangen.<\/p>\n<p>Auch Erich Hackl, bestimmt ein Autor, der sich in \u00d6sterreich und im gesamten deutschsprachigen Raum (auch mit hohen Auflagenzahlen) einen Namen gemacht hat, wovon die zahlreichen Renzensionen zu seinen Texten in den Feuilletons der wichtigsten Tageszeitungen zeugen, geht auf solche promotion tours. Er hat deshalb unsere Einladung, sich auch den Fragen seiner LeserInnen am Musischen Gymnasium zu stellen, gerne angenommen. Die Leselampe, eine Einrichtung am Literaturhaus Eizenbergerhof hatte ihn sowieso zu zwei Lesungen zu seiner neuen Erz\u00e4hlung \u201eVersuch einer Liebe auf den ersten Blick\u201c nach Salzburg und Elixhausen eingeladen und so f\u00fcgte es sich f\u00fcr uns und ihn gut, dass wir ihn auch an unserer Schule zu Gesicht bekamen.<\/p>\n<p>Vorausschicken muss ich, dass Erich Hackl an \u00d6sterreichs Schulen ein gern gesehener Gast ist. Das hat vielerlei Gr\u00fcnde. Seine Texte werden nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Sch\u00fclern gerne gelesen. Seine Erz\u00e4hlungen sind relativ kurz, also auch f\u00fcr Sch\u00fcler bew\u00e4ltigbar. Sie behandeln Themen aus der j\u00fcngsten Geschichte \u00d6sterreichs, Spaniens und Lateinamerikas. Sie ergreifen, ohne in eine moralisierende und belehrende Besserwisserei abzugleiten, Partei f\u00fcr Menschen, denen Unrecht und Leid widerfahren ist und bieten auf Grund ihrer Gemengelage zwischen Geschichtsschreibung und reiner Fiktion reichlich Material f\u00fcr Diskussionen. Zum Beispiel \u00fcber die poetologischen Konsequenzen, die sich aus einem der historischen Wahrheit verpflichteten Schreiben ergeben.<\/p>\n<p>Das Besondere an der Veranstaltung mit Erich Hackl aus literaturp\u00e4dagogischer Sicht war die Tatsache, dass die Sch\u00fclerInnen das Gespr\u00e4ch mit dem Autor auf dem Podium vor einer gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit allein, also ohne Mitwirkung ihres Deutschlehrers, zu f\u00fchren hatten. Weiters, dass alle seine bisher erschienenen Texte besprochen, vor jeder Besprechung jeweils eine knappe Inhaltsangabe vorgetragen und \u00fcberdies zur Veranschaulichung der historischen Zusammenh\u00e4nge Ausschnitte aus Videofilmen auf die Kinoleinwand im Festsaal projiziert werden sollten. \u00dcberdies mussten eine Sch\u00fclerin und ein Sch\u00fcler gefunden werden, die sich die Moderation dieser Veranstaltung zutrauten. Die Realisierung dieser Ziele bedeutete f\u00fcr Sch\u00fcler und Lehrer einen erheblichen organisatorischen Aufwand und eine spezielle inhaltliche Vorbereitung. Die 5I Klasse hatte im letzten Schuljahr schon \u201eAbschied von Sidonie\u201c gelesen und bekam heuer \u201eSara und Simon\u201c als Klassenlekt\u00fcre dazu. Die 6A Klasse las heuer ebenfalls die tragische Geschichte des adoptierten und schlie\u00dflich nach Auschwitz transportierten Zigeunerm\u00e4dchens Sidonie Adlersburg. Kollegin Croll schloss sich mit ihrer 7A Klasse bzw. mit Sidonies Schicksal unserem Veranstaltungskonzept an. Jeweils zwei Sch\u00fclerinnen aus der 5I und 6A vertieften sich in die beiden anderen Erz\u00e4hlungen, n\u00e4mlich \u201eAuroras Anlass\u201c und \u201eVersuch einer Liebe auf den ersten Blick\u201c und trugen deren Inhalt in ihren Klassen vor. Nach der Klassenlekt\u00fcre wurden die Erz\u00e4hlungen im Deutschunterricht besprochen und geeignete Fragen an Erich Hackl formuliert. Eine Sch\u00fclerin und ein Sch\u00fcler aus der 6A konnten als Moderatoren gewonnen werden. Sie haben sich mit mir zusammen auf ihre Aufgabe vorbereitet und die Verantwortung f\u00fcr die F\u00fchrung durch das Programm von der Begr\u00fc\u00dfung, den Einleitungen und \u00dcberleitungen zu den jeweiligen Erz\u00e4hlungen, den Ank\u00fcndigungen der Videofilme bis zur Verabschiedung des Autors \u00fcbernommen. Im Deutschunterricht wurden Filmreportagen gezeigt, von denen ich mir eine Ausleuchtung des historischen Hintergrundes und Zusammenhanges erwartete. Dies waren je eine Filmreportage \u00fcber das Zigeunerlager in Salzburg an der Moosstra\u00dfe (1939 bis 1943) und \u00fcber das Schicksal der Roma und Sinti in \u00d6sterreich \u00fcberhaupt. Im Fr\u00fchling 1943 ist das Lager aufgelassen und mehrere hundert Roma und Sinti aus ganz \u00d6sterreich sind damals nach Auschwitz transportiert worden; unter anderem auch die Familie Adlersburg mit ihrer Tochter Sidonie, die ja bekanntlich, weil man in Steyr zu wenig Zivilcourage hatte, ihren Adoptiveltern weggenommen und zu ihrer leiblichen Mutter \u00fcberstellt worden war, ohne dass diese, ohnehin wissend, welches Schicksal den Zigeunern bevorstand, dies gew\u00fcnscht hatte. Als Hintergrundmaterial f\u00fcr die politischen Unruhen und menschlichen Katastrophen in Uruquay und Argentinien (Erz\u00e4hlung \u201eSara und Simon\u201c) diente mir eine Filmreportage \u00fcber die Gro\u00dfm\u00fctter auf der Plaza de Majo in Buenos Aires, die noch w\u00e4hrend der Zeit der Milit\u00e4rjunta in ihren Schweigez\u00fcgen auf das Verschwinden ihrer verschleppten Kinder und Enkelkinder aufmerksam gemacht und erste erfolgreiche und gewaltlose Widerstandshandlungen gesetzt haben. Die Erz\u00e4hlung von Erich Hackl nimmt auf diese Gro\u00dfm\u00fctter Bezug. Anschauungsmaterial f\u00fcr die Vorg\u00e4nge in Spanien zur Zeit des B\u00fcrgerkriegs ab 1937 und die Beteiligung der 1350 Spanienk\u00e4mpfer aus \u00d6sterreich, die f\u00fcr die Verteidigung der Republik und im Kampf gegen den Faschismsus ihr Leben riskierten, bekam ich mit einer Reportage des ORF in die H\u00e4nde. Diese Filme sind im Unterricht in voller L\u00e4nge gezeigt und besprochen worden, mussten aber f\u00fcr die Veranstaltung mit Erich Hackl auf eine vertr\u00e4gliche L\u00e4nge zusammengeschnitten werden. Dabei war mir die Medienstelle des Landesschulrates behilflich.<\/p>\n<p>Im Folgenden die Besch\u00e4ftigung mit Hackls Prosa im Deutschunterricht vorgestellt und die Ergebnisse des Sch\u00fclergespr\u00e4chs mit ihm reflektiert und zusammengefasst. (siehe auch die tabellarische \u00dcbersicht im Anhang zu diesem Aufsatz zur jeweiligen Thematik, den zentralen Schaupl\u00e4tzen, den Motivparallelen in seinen vier Erz\u00e4hlungen und anderes mehr).<\/p>\n<p>Erich Hackl hat in seinen vier Erz\u00e4hlungen authentische F\u00e4lle aufgegriffen und sie alle akribisch recherchiert. Er f\u00fchlt sich bei deren Rekonstruktion der historischen Wahrheit verpflichtet. Schreibimpuls war ihm dabei immer auch die die Erinnerung st\u00fctzende Dokumentation von Unrechtsf\u00e4llen. Seine Texte verstehen sich auch als Denk- und Mahnm\u00e4ler f\u00fcr den Widerstand von Unterlegenen, wie zum Beispiel aus der liebevollen literarischen Behandlung der Familie Breirather, den Adoptiveltern von Sidonie, klar hervorgeht. Seiner Beharrlichkeit gegen\u00fcber den zust\u00e4ndigen Stellen in Steyr war es auch zu verdanken, dass das Schicksal der kleinen Sidonie auch au\u00dferliterarisch auf einer Gedenktafel dokumentiert worden ist. In Bezug auf die Erz\u00e4hlung \u201eSara und Simon\u201c hat Hackl angemerkt:. \u201eIch wollte Sara zur Seite stehen. Ich fand, dass jemand ihre Geschichte aufschreiben musste.\u201c (zitiert nach Volker Hage \u201eIm Garten der Folterer\u201c; Spiegel v. 17. 4. 1995, S. 219f)<\/p>\n<p>Dass Hackl bei der kunstvoll n\u00fcchternen Rekonstruktion individueller Trag\u00f6dien am Rande politischer Umbr\u00fcche abgesehen von der in seiner Schreibweise implizit enthaltenen Bewertung menschlichen (Fehl)Verhaltens auch als Kommentator Partei ergreift, steht au\u00dfer Frage. Ambivalent f\u00e4llt in dieser Hinsicht aber die Kritik seiner Rezensenten aus. F\u00fcr Kristina Maidt-Zinke zum Beispiel (in der FAZ v. 30. 4. 1999) sind seine Texte \u201estreng, still, nehmen Partei und moralisieren, verstr\u00f6men aber nicht den Geruch trockener Gesinnungstraktate\u201c. Hackl lockt nach dem Urteil von R. Baumgart (in der Zeit v. 27. 5. 1999) auch nicht mit dem Glanz politischer Ideale (bezogen auf den Antifaschismus der K\u00e4mpfer im spanischen B\u00fcrgerkrieg: \u201eVersuch einer Liebe auf en ersten Blick\u201c; des spanischen Sozialismus in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts: \u201eAuroras Anlass\u201c; des Sozialismus und Kommunismus in \u00d6sterreich ab der ersten Republik bis zur gewaltsamen Angliederung \u00d6sterreichs 1938 in \u201eAbschied von Sidonie\u201c). Andere wiederum sprechen zum Beispiel im Hinblick auf \u201eSara und Simon\u201c von der \u201eMilch der frommen Denkungsart\u201c, von der Hackl die Finger lassen solle, weil eine solche Haltung die Dinge einfacher und damit harmloser mache, als sie wirklich sind bzw. von der \u201egrenzenlosen Identifikationsbereitschaft\u201c Hackls, sich die Sicht des Opfers (Sara) zu eigen zu machen und damit nur die Froschperspektive abzubilden, werfen ihm also die Unf\u00e4higkeit zur Analyse vor, weil er den Abstand zur empirischen Welt m\u00f6glichst gering halten will (so in einem harten Urteil A. Breitenstein in der NZZ v. 28. 3. 1995).<\/p>\n<p>Diese Ambivalenz setzt sich in der Bewertung seines Schreibstils fort. Die einen bescheinigen ihm die \u201eF\u00e4higkeit, aus den zur Meldung geschrumpften Fakten wieder die Wirklichkeit der Ereignisse zu entwickeln\u201c (Klappentext zu Sidonie), loben den geschmeidigen Chronistenstil, sein Talent zur Lakonie. Anderen missfallen, ohne dass sie die poetische Qualit\u00e4t seiner Texte insgesamt in Frage stellen, manche Passagen seiner Texte. Sie seien zum Beispiel im Hinblick auf den hohen Erkl\u00e4rungsaufwand des historischen Rahmens, in dem seine Figuren handeln, zu schulbuchhaft (so Barbara Becker in ihrer Rezension zu \u201eAuroras Anlass in der Zeit v. 10. 4. 1987). Sie bef\u00fcrchten, dass er das \u201ekleinmeisterliche Ausmalen schrecklicher F\u00e4lle aus allen Ungl\u00fcckszonen des 20. Jahrhunderts\u201c (G. Seibt zu \u201eSara und Simon\u201c in der FAZ v. 18. 2. 1995) fortsetzt. Man traut ihm einen l\u00e4ngeren, rein fiktionalen Roman zu und w\u00fcrde es bedauern, wenn er an der \u201eMusterkollektion des realen Schreckens\u201c weiterarbeiten und sich auf die Verfahrensweise des poetischen Dokumentarismus festlege. Hackl selbst bringt seinen schmucklosen Schreibstil (keine innovativen Metaphern, Vergleiche, Symbole, also poetische Mittel der Veranschaulichung; rhetorische Figuren usw.) mit dem Bewusstseinsstand, dem sozio\u00f6konomischen Kontext bzw. einer diesem entsprechenden Sozialisierung seiner Figuren in Zusammenhang (besonders deutlich an der Darstellung der Arbeiterfamilie Breirather in \u201eAbschied von Sidonie\u201c) und den geschilderten schrecklichen Ereignissen, bez\u00fcglich derer es auch sprachlich-rhetorisch nichts zu feiern g\u00e4be. Hackls St\u00e4rke liegt vielmehr in seiner gezielt eingesetzten Lakonie, wof\u00fcr aus \u201eAbschied von Sidonie\u201c, im \u00fcbrigen wohl auch deshalb so erfolgreich, weil der Autor als erster das Schicksal dieser auch vom Naziterror erfassten Ethnie dargestellt hatte, zwei Beispiele angef\u00fchrt werden sollen. Als die Zigeuner 1939 \u00fcberall im Deutschen Reich in Lager geschafft wurden, waren sie, wie Hackl schreibt, auch in Steyr auf einmal nicht mehr zu sehen. Von der Bev\u00f6lkerung ist das als Naturgesetz hingenommen worden. Nur die Familie Breirather war beunruhigt und Hackl l\u00e4sst sie \u2013 ihr grausames Schicksal vorausdeutend &#8211; bef\u00fcrchten: \u201eDie k\u00f6nnen sich doch nicht in Luft aufgel\u00f6st haben!\u201c Und als Sidonie einmal die Haare geschnitten werden, hei\u00dft es lapidar: \u201eSo sch\u00f6ne Haare [. . .] zu schade fast zum Verheizen.\u201c<\/p>\n<p>In seinen vier Erz\u00e4hlungen kann man eine allen Texten gemeinsame \u00fcbergreifende Thematik erkennen. Seine B\u00fccher sind eine Variation \u00fcber das alte Thema der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, n\u00e4mlich der Kindesweglegung und Kindesannahme. Ihren besonderen Akzent erhalten sie jeweils durch das Motiv der Liebe, in der vor allem die M\u00fctter zu ihren Kindern, aber auch die Eltern zueinander stehen. Hackls Erz\u00e4hlungen erinnern mit der Konstellation der ihr Kind suchenden Mutter, der Mutter, die sich ein Kind w\u00fcnscht und der Frage, wem denn das Kind wirklich geh\u00f6rt: der leiblichen Mutter, die sich um ihr Kind nicht k\u00fcmmern kann (Sara) oder nicht will (die Mutter von Sidonie) oder der Adoptivmutter, die dem angenommenen Kind ihre volle Liebe schenkt, an alte M\u00e4rchen. Darin liegt auch, wie Alfred Pfoser (im Falter v. 31. 3. 1995) feststellt, die Wucht und mythische Fallh\u00f6he seiner Erz\u00e4hlungen begr\u00fcndet, die an fundamentale \u00c4ngste r\u00fchren. Auch die Bew\u00e4hrung dieser Liebe in der Situation der existenziellen Bedrohung, sogar \u00fcber den Tod hinaus, wird in den Texten verhandelt; besonders deutlich ausgef\u00fchrt im \u201eVersuch einer Liebe auf den ersten Blick\u201c. Die politisch engagierten Werke Erich Hackls sind, wie das Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur ausf\u00fchrt, im \u00fcbrigen \u201eTeil einer explizit linken Tradition in der \u00f6sterreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Parteinahme f\u00fcr politisch Unterdr\u00fcckte, wirtschaftlich und sozial Ausgebeutete und Entrechtete charakterisiert sowohl die operative \u00c4sthetik seiner fiktionalen Werke [. . .] als auch seine vielen literarischen und politischen Essays und Rezensionen.\u201c Hackls \u00fcbergreifendes politisches Anliegen ist, so das Lexikon weiter, die literarische Analyse des Faschismus in \u00d6sterreich und in den spanischsprachigen L\u00e4ndern als geschichtliches und gegenw\u00e4rtiges Ph\u00e4nomen<\/p>\n<p>Manche Kritiker sehen in Hackl auf Grund seines der historischen Wahrheit verpflichteten Schreibstils keinen Poeten und r\u00fccken ihn in die N\u00e4he der Journalistik oder der Historiographie. Richtig an dieser Kritik ist, dass der Ausgangspunkt seines Schreibens jeweils authentische F\u00e4lle sind. In diesem Punkt gleicht er den Verfassern historischer Romane, die ihren Plot ja auch den Materialien der Geschichtsschreibung entnehmen. Hackl rechtfertigt diese Vorgangsweise, abgesehen von seinem engagierten Humanismus, der ihn auch au\u00dferhalb seiner literarischen T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Wahrung der Menschenrechte insbesondere gegen\u00fcber seinen verfolgten BerufskollegInnen eintreten l\u00e4sst, mit dem Glauben, dass die Phantasie, das hei\u00dft die Fiktion nicht mehr M\u00f6glichkeit biete als die Realit\u00e4t. Die Wirklichkeit sei oft radikaler, \u00fcberraschender, unverhoffter als das, was er sich als Schriftsteller ausmalen k\u00f6nne (zitiert nach V. Hage, Spiegel v. 17. 4. 1995, S. 219). Dem kann man im Hinblick auf die referierten Fakten, zum Beispiel die Folterszenen in \u201eSara und Simon\u201c gewiss zustimmen. Bei deren Wiedergabe ist er \u00fcbrigens besonders behutsam vorgegangen. Er bannt die Grausamkeit der Folter, indem er sie in einer Paraphrase des M\u00e4rchens \u201eVon einem, der auszog, das F\u00fcrchten zu lernen\u201c verfremdet.<\/p>\n<p>Letztlich ist diese Ambivalenz auf die Gemengelage seiner Texte zwischen Fiktion, also der \u201ereinen&#8221; erz\u00e4hlenden Dichtung und den Fakten, also der Historiographie und der Journalistik (Vorwurf der blo\u00dfen \u201eillustrierten Zeitgeschichte\u201c) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Man sieht in ihm mehrheitlich einen poetischen Historiographen, also einen Autor, der der historischen Wahrheit verpflichtet ist, dabei aber Poet genug ist, durch seinen Schreibstil und bestimmte poetische Verfahrensweisen (wie der Vorausdeutung, der R\u00fcckblende, der Dehnung und Raffung, des Perspektivenwechsels, der Montage usw.) die Ambition der blo\u00dfen Faktenrekonstruktion hinter sich zu lassen. In mancher Hinsicht erinnert Hackl an Johann Peter Hebel, dessen ber\u00fchmte Stelle \u00fcber das Verstreichen eines halben Jahrhunderts aus dem \u201eUnverhofften Wiedersehen\u201c er in Saras Geschichte aufgegriffen und variiert hat, und seine Kalendergeschichten. Auch Hebel hat wie Hackl Moral, Didaxe und Erz\u00e4hlung pointiert zu verbinden gewusst. Grunds\u00e4tzlich gleicht er nat\u00fcrlich auch den Verfassern historischer Romane und Erz\u00e4hlungen, die bez\u00fcglich ihres Plots und der Figurenkonstellationen auch Chronisten sind und ihre Phantasie, das hei\u00dft ihre Imagination diesbez\u00fcglich bewusst einschr\u00e4nken. Anders aber als bei Hebel oder den Verfassern historischer Romane, die sich hinsichtlich der Gestaltung des Innenlebens ihrer Figuren keine imaginative Zur\u00fcckhaltung auferlegen, solange ihre Zeichnung nur im Rahmen des Wahrscheinlichen bleibt, treibt Erich Hackl seine der Authentizit\u00e4t verpflichtete Grundhaltung so rigoros weit, dass er von seinen Figuren, egal ob es um \u00e4u\u00dfere Handlungen oder kognitive und emotionale Abl\u00e4ufe im Inneren seiner Figuren geht, nur dann etwas zu berichten bzw. zu gestalten scheint, wenn er diese absolut sicher recherchiert hat. Beim Lesen hatte ich \u00f6fter den Eindruck, dass der Autor selbst vor der Wiedergabe trivialer Abl\u00e4ufe zur\u00fcckscheut, wenn er deren Authentizit\u00e4t bezweifelt. Wenn Hackl dann beispielsweise einmal von Tr\u00e4umen seiner Heldin Sara erz\u00e4hlt, fragt man sich, selbst schon eingeschworen auf das Prinzip des dokumentarischen Schreibens, ob diese Passagen nun erfunden oder historisch verb\u00fcrgt sind. Aufs Ganze gesehen kann eine solche Grundhaltung bzw. Beschr\u00e4nkung auf das tats\u00e4chlich Recherchierte keine runden Figuren mit allen ihren Widerspr\u00fcchen und Komplexit\u00e4ten ergeben. \u00dcberhaupt f\u00e4llt auf, dass Hackls Figuren kaum r\u00e4sonieren und reflektieren, also wenig Innenleben haben. In seiner letzten Erz\u00e4hlung, seiner k\u00fcrzesten, macht Hackl aus der Not eine Tugend, wenn er das Wenige, was er \u00fcber das Schicksal des \u00f6sterreichischen Spanienk\u00e4mpfers Karl Sequens, seiner spanischen Frau und seiner Tochter in Erfahrung bringen konnte, mit dem Vorzeichen \u201eSo k\u00f6nnte es gewesen sein\u201c oder \u00e4hnlichen salvatorischen Klauseln wie \u201evielleicht\u201c usw. versieht. Ob der Moralist Erich Hackl von diesen selbst auferlegten Beschr\u00e4nkungen hinsichtlich der Stoffwahl, der Figurenzeichnung und des Schreibstils abgeht und seine imaginative Potenz einmal auch im rein Fiktionalen entfaltet? Die Zahl seiner Leser w\u00fcrde in diesem Fall gewiss noch steigen.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen haben die Sch\u00fclerInnen die ihnen gestellte Aufgabe, auf dem Podium vor einer gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit mit einem anerkannten Autor der \u00f6sterreichischen Gegenwartsliteratur ein Gespr\u00e4ch \u00fcber literarische Fragen zu f\u00fchren, mit Bravour gel\u00f6st. Manchmal gelang es ihnen auch, von den vorbereiteten Fragen abzusehen, zu extemporieren und bei Antworten nachzuhaken. Besonders Bernadette Bayrhammer und Fabian Setznagel (beide 6A) , die sich als Moderatoren bew\u00e4hrt haben, werden nun mehr als eine Ahnung davon haben, welche F\u00e4higkeiten man haben und ausbauen muss, wenn man Literatur einem Publikum informativ und unterhaltsam zugleich vermitteln will. Nicht zuletzt Erich Hackl selbst, seiner Auskunftsbereitschaft, seiner Gabe, komplizierte Sachverhalte anschaulich und \u00fcberzeugend darzustellen, war es zu verdanken, dass dieser Literaturveranstaltung, die vom Verein f\u00fcr Schule und Kultur finanziell unterst\u00fctzt worden ist, ein voller Erfolg beschieden war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-117\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Hackl_Ende.gif\" alt=\"Hackl_Ende\" width=\"1205\" height=\"680\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>stellte sich am 3. 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