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{"id":119,"date":"2016-07-10T21:21:26","date_gmt":"2016-07-10T21:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=119"},"modified":"2016-07-28T14:43:03","modified_gmt":"2016-07-28T14:43:03","slug":"michael-kohlmeier-sunrise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=119","title":{"rendered":"Michael K\u00f6hlmeier &#8220;Sunrise&#8221;"},"content":{"rendered":"<h3>Eine Leseempfehlung f\u00fcr die Ferien<\/h3>\n<h4><span style=\"color: #ff9900;\">\u00a0<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff9900;\">(ABGEDRUCKT IM JAHRESBERICHT DES MUSISCHEN GYMNASIUM 2004\/05)<\/span><\/h4>\n<h5><\/h5>\n<h5>Michael K\u00f6hlmeiers Erz\u00e4hlung &#8220;Sunrise&#8221; (1994)<br \/>\nFischer TB12920, 75S \u2013 7,10 \u20ac<\/h5>\n<p>Im Folgenden wird ein Prosatext des bekannten Vorarlberger Autors vorgestellt, der in einer 6. Klasse und auch im Schwerpunktfach \u201eKreatives Schreiben\u201c dieser Jahrgangsstufe gelesen und bearbeitet worden ist und von den Sch\u00fclerInnen die besten Noten erhalten hat (\u201espannend\u201c, \u201eunterhaltsam\u201c, \u201egeschickt gebaut\u201c); ein Urteil, das auch von den Rezensenten dieser Arbeit geteilt wird.<\/p>\n<p>\u201eSunrise\u201c (Sonnenaufgang) ist eine kunstvoll gebaute Erz\u00e4hlung, einer Novelle nicht un\u00e4hnlich und hat m\u00e4rchenhafte und fabelhafte Z\u00fcge. Da tritt der leibhaftige Tod als Akteur auf und wie im Dornr\u00f6schen auch wird einmal die Zeit f\u00fcr eine Stunde angehalten. Da mehrere Personen als Geschichtenerz\u00e4hler und als Zuh\u00f6rer auftreten, durch deren Einschaltungen sich der Erz\u00e4hlvorgang phasenweise zu einem Dialog gestaltet, finden wir im gesamten Text einen am m\u00fcndlichen Erz\u00e4hlen orientierten Sprechduktus und eine einem dramatischen Geschehen auf einer B\u00fchne nicht un\u00e4hnlichen Handlungsverlauf. Der Verlag zeichnet den Text als eine Erz\u00e4hlung aus. Auf die germanistische Streitfrage, ob der Text nun als solche oder als eine Novelle anzusehen ist, werde ich hier nicht eingehen und verwende beide Begriffe im Folgenden in der gleichen Bedeutung. Den Grundeinfall f\u00fcr seine Geschichte hat K\u00f6hlmeier, wie in Rezensionen vermutet wird, von dem amerikanischen Regisseur <em>Richard<\/em> O`Brian (\u201eThe Rocky Horror Picture Show\u201c). Dazu w\u00fcrde passen, dass er der Hauptperson seiner Erz\u00e4hlung eben diesen Vornamen gibt, so dass wir darin wohl die Referenz des Autors gegen\u00fcber seinem Ideenspender erblicken d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung besteht aus einer Rahmenhandlung und zwei Binnengeschichten, die auf raffinierte Weise inhaltlich aufeinander bezogen sind. Auf zwei Ebenen geht es um nicht Geringeres als um Leben und Tod. In der ersten Binnengeschichte wird die Scheherazade- Situation variiert, n\u00e4mlich: dass man durch Geschichtenerz\u00e4hlen den Kopf aus der Schlinge ziehen und sein Leben retten kann. Diese Handlungsempfehlung greift allerdings nicht f\u00fcr die erste Fiktionsebene, denn dort wird eine der beiden Hauptpersonen, als sie sich selbst als Geschichtenerz\u00e4hler bet\u00e4tigt bzw. eine begonnene Geschichte weiter spinnt, vom Tod ereilt. Der \u00e4u\u00dfere Rahmen ist weiter eine Geschichte \u00fcber den Tod eines jeden von uns, dessen Zugriff wir erst im allerletzten Moment begreifen. Einfach und gro\u00dfartig in der Wirkung zieht K\u00f6hlmeier in der Textdramaturgie eine Analogie zu der gro\u00dfen \u00dcberrumplung, die jeden von uns am Lebensende treffen wird.<\/p>\n<p>In der Rahmengeschichte sitzen zwei Autostopper kurz vor Sonnenaufgang am Rand einer Stra\u00dfe, warten auf eine Mitfahrgelegenheit und vertreiben sich die Zeit mit Geschichtenerz\u00e4hlen. Der eine von den beiden ist Richard. Er ist mit dem Erz\u00e4hlen an der Reihe, denn das Los hat f\u00fcr ihn und gegen seinen Begleiter entschieden, der aus guten Gr\u00fcnden namenlos bleibt, aber als \u201eich\u201c gekennzeichnet ist und den Part des Autostoppers \u00fcbernimmt. Richard erz\u00e4hlt also dem anderen Autostopper eine Geschichte, und zwar die von Leo Pomeranz, Rita Luna und dem <em>D\u00fcnnen<\/em>. Leo Pomeranz, ein heruntergekommener, vom Alkohol gekennzeichneter amerikanischer Landstreicher, hat beschlossen, sein Leben grundlegend zu \u00e4ndern. Er \u00fcberquert eben einen Boulevard in Los Angeles, wird von einem blinkenden Gegenstand, den ein langer, d\u00fcnner Mann auf der anderen Stra\u00dfenseite in der Hand h\u00e4lt, geblendet, \u00fcbersieht einen Kombi, dieser kommt beim Bremsen ins Schleudern, schlingert auf Leo zu, an ihm haarscharf vorbei, st\u00f6\u00dft Rita Luna, eine Stripperin, die von ihrer Nachtarbeit nach Hause eilt, nieder und verletzt diese t\u00f6dlich. So wie Richards Begleiter erfahren auch wir, die Leser, sp\u00e4testens an dieser Stelle, die wahre Identit\u00e4t des <em>D\u00fcnnen<\/em>, der dritten Person in der ersten Binnengeschichte. Der D\u00fcnne ist niemand anderer als der Tod und der blinkende Gegenstand ist eine Sichel, die von ihm geworfen wird. Aber der Tod ist, wie wir gesehen haben, an diesem Morgen schlecht in Form. Doch es soll noch \u00fcberraschender kommen. An diesem Morgen tut er etwas, wovon die gesamte Menschheit tr\u00e4umt. Er l\u00e4sst sogar mit sich reden. Rita Luna hat die Sichel in ihrer Brust stecken und findet diese Wendung des Schicksals h\u00f6chst ungerecht \u2013 im Gegensatz zu Leo Pomeranz. Rita will das nicht akzeptieren. Und schon sind die Figuren der Binnenerz\u00e4hlung mitten in einer Debatte, wer von den beiden das bessere Recht auf das Leben hat. Vom Tod verlangen sie eine endg\u00fcltige Entscheidung. Der aber reagiert, weil er ein K\u00f6hlmeierscher Tod ist, schon wieder unerwartet und lehnt eine Entscheidung ab. Sie m\u00f6gen die Sache untereinander ausmachen und formuliert die n\u00e4heren Bedingungen. Er wird Rita Lunas Leben, das eigentlich schon abgelaufen ist, um eine Stunde verl\u00e4ngern. In dieser Zeit werden die beiden jeder eine halbe Stunde lang versuchen, die besseren Argumente f\u00fcr ihre Verschonung zu formulieren. Daf\u00fcr muss der Tod die Zeit eben f\u00fcr eine Stunde anhalten; das wird, wie es K\u00f6hlmeier ausdr\u00fcckt, die B\u00fcrger von Los Angeles ein kleines St\u00fcck ihres Sonnenaufgangs kosten, das er abschneiden wird. W\u00e4hrend die beiden also um ihr Leben reden, steht das Leben in Los Angeles &#8211; wie am K\u00f6nigshof im M\u00e4rchen Dornr\u00f6schen auch &#8211; still. Die von Richards Binnenerz\u00e4hlung ihrerseits also abh\u00e4ngigen Lebensbeichten von Leo Pomeranz und Rita Luna (die zweite Binnengeschichte) sind geraffte Konzentrate aus dem Absurdit\u00e4tenfundus des Liebesgl\u00fccks und Liebesleides; k\u00f6stlich nachzulesen das mit antikem Bildungsgut verbr\u00e4mte Pl\u00e4doyer von Leo, die Darstellung seiner kindlich-naiven Liebe zur kleptomanen Tante \u2013 oder der schnoddrig-impulsiv vorgetragene todtraurige Bindungskonflikt zwischen Rita und ihrem feurigen Mexikaner. Die je halbst\u00fcndigen Lebensbeichten finden im gerecht aufgeteilten Zeilenquantum, das der Autor daf\u00fcr aufwenden l\u00e4sst, ihre Entsprechung.<\/p>\n<p>In beiden Erz\u00e4hlungen herrschen strenge situative und thematische Entsprechungen. Die beiden Autostopper im \u00e4u\u00dfersten Rahmen befinden sich an irgendeiner Stra\u00dfe irgendwo auf der Welt Das hat seinen guten Grund, weil die Geschichte von der \u00dcberrumpelung durch den eigenen Tod tats\u00e4chlich an keine territorialen Besonderheiten gebunden ist. Leo und Rita am Hollywood Boulevard in Los Angeles, kurz vor Sonnenaufgang, reden erfolgreich um ihr Leben; und sei es, weil der Tod an diesem Morgen zu faul ist, eine Entscheidung zu treffen. Der Zuh\u00f6rer im Rahmen, der in die von Richard begonnene Geschichte eingreift, die Geschichte weiter und zu Ende spinnt, redet dabei ebenfalls um sein Leben, nur wei\u00df er es noch nicht &#8211; bis zum letzten Atemzug nicht. Auch in der inneren Binnengeschichte geht es um Leben und Tod.<\/p>\n<p>Raffiniert, wie gesagt, der Aufbau und vor allem der \u00dcbertritt einer Binnenfigur in den Rahmen. Das ist ein beliebter Trick von Geschichtenerz\u00e4hlern, um in ihren Texten oder auch in Filmen daf\u00fcr zu sorgen, dass die Leser oder Zuschauer Realit\u00e4t und Fiktion nicht mehr recht auseinander halten k\u00f6nnen. In diesem Zusammenhang sei zum Beispiel an den Film von Woody Allan \u201eThe purple rose of Kairo\u201c erinnert. Da sitzt die Schauspielerin Mia Farrow, die eine etwas naive Frau spielt, im Kino und verl\u00e4sst den Zuschauersaal mit einer Figur, die eben nur auf der Leinwand existiert hat.\u00a0\u00a0 Eine Parallele dazu gibt es auch in Sunrise. Denn im Anschluss an die beiden Lebensbeichten greift der Tod aus der ersten Binnengeschichte auf den Rahmen \u00fcber, stellt sich die f\u00fcr den Ich-Erz\u00e4hler katastrophale Identit\u00e4t von Richard und dem D\u00fcnnen heraus, die ja von Anfang an behutsam vorausgedeutet wird.<\/p>\n<p>Als was d\u00fcrfen wir K\u00f6hlmeiers Erz\u00e4hlung lesen? Als eine Demonstration bester Erz\u00e4hltechnik, als einen Hymnus auf das Erz\u00e4hlen, die Macht und Ohnmacht des Erz\u00e4hlens und seiner Zuh\u00f6rer bzw. Leser. K\u00f6hlmeiers Erz\u00e4hlung ist durch die schon zu Beginn eingef\u00fchrte Figur des Todes nicht nur eine poetisch verdichtete Darstellung der Binsenweisheit, dass wir uns vom Tod \u00fcberrumpeln lassen und eine in modernem Gewand erscheinende ewig junge Variante der uralten Unsterblichkeitsphantasie des Menschen, sondern auch \u2013 und das ist das Postmoderne \u2013 eine Reflexion \u00fcber das Erz\u00e4hlen und die Beziehung des Autors zu seinem Publikum.<\/p>\n<p>Aus den Zeiten vor den S\u00e4kularisationssch\u00fcben stammen das Bild und die Vorstellung des Menschen als eines Pilgers oder Wanderers. Georg Trakl hat \u2013 freilich ohne transzendenten Bezugspunkt &#8211; daf\u00fcr folgende Verse gefunden:<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff9900;\"><strong>Wir sind die Wandrer ohne Ziele,<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff9900;\"><strong>Die Wolken, die der Wind verweht,<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff9900;\"><strong>Die Blumen, zitternd in Todesk\u00fchle,<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff9900;\"><strong>Die warten, bis man sie niederm\u00e4ht.<\/strong><\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Prosa-Variante dieser Metapher ist sicher das Bild vom Autostopper, das man hier nicht in allen Entsprechungen zergliedern muss. Wir bekommen mit ihm in einer modernen Fassung die alte, immer noch g\u00fcltige Grundbedingung des menschlichen Lebens vorgestellt, eben unsere Wanderschaft zwischen Geburt und Tod. Und immer schon f\u00fcllen wir diese Zeit, wenn das Leben still steht, mit Geschichtenerz\u00e4hlen auf. In nichtarbeitsteiligen, noch nicht redefaulen Gesellschaften wie denen des Orients tun es die Menschen heute noch, finden sich am Marktplatz zusammen, im Kaffeehaus. Die Geschichten aus 1001 Nacht sind ein Beispiel f\u00fcr die Literarisierung dieser Erz\u00e4hlleidenschaft des Menschen. Das Dekamerone in der italienischen Renaissance stellt einen anderen Rahmen her, der Anlass und Zeit hergibt f\u00fcr all die k\u00f6stlichen Geschichten, die aus dem Rahmen gerissen und\/oder in Filmen auf uns gekommen sind.<\/p>\n<p>Anders als in den \u00fcberkommenen Rahmenerz\u00e4hlungen haben wir bei K\u00f6hlmeier entsprechend den versiegten Quellen des gemeinsamen Erz\u00e4hlens und Zuh\u00f6rens nur mehr einen ganz reduzierten, aufs Wesentliche gebrachten Erz\u00e4hlanlass, der mit dem Autostopper und Richard ins Bild gebracht wird. Einerseits die Begegnung des Menschen mit seinem Tod und andererseits \u2013 und das mag \u00fcberraschen \u2013 das Aufeinanderprallen des Autors\/Erz\u00e4hlers mit seinem Leser bzw. Zuh\u00f6rer.<\/p>\n<p>An der entscheidenden Stelle der Erz\u00e4hlung meint Richard, dass die Geschichte, nachdem Leo und Luna ihre Pl\u00e4doyers gehalten haben, eigentlich ihr Ende hat, denn der Tod mag heute keine Entscheidung treffen. An und ab dieser Stelle beginnt zwischen dem Binnengeschichtenerz\u00e4hler Richard, den der Leser ja als Tod vorausgedeutet bekommen hat, und seinem Zuh\u00f6rer, eine Auseinandersetzung mit furchtbaren Folgen, in der sich dieser, wie es sich f\u00fcr einen emotional und intellektuell f\u00e4higen und aufgekl\u00e4rten Rezipienten geh\u00f6rt, \u00fcber die bekannten Identifikationsmechanismen immer mehr in die Geschichte hineinziehen l\u00e4sst, diese fort und zu Ende spinnt, so dass der Zuh\u00f6rer am Ende die Rolle des Erz\u00e4hlers \u00fcbernommen hat. Nachdem Richard aus seinem Zuh\u00f6rer, der schon in den ersten Zeilen von Sunrise als namenloses \u201eIch\u201ceingef\u00fchrt wird, also als Jedermann, als eine Figur, die wir bis zu ihrem Tod begleiten d\u00fcrfen, endlich die L\u00f6sung f\u00fcr das Grundproblem herausgelockt hat, wie denn das Leben zweier fiktiver Personen vom Tod verschont werden kann, n\u00e4mlich dadurch, dass eine reale Person sich einen Teil des realen Lebens f\u00fcr das Ersinnen einer L\u00f6sung abschneidet, merkt er nur mehr lakonisch an: \u201eDu hast meine Geschichte zu Ende erz\u00e4hlt. Dazu h\u00e4ttest du mich nicht gebraucht.\u201c Was hei\u00dft das jetzt?<\/p>\n<p>Dass der Autor die Aufgabe, L\u00f6sungen zu formulieren, die er sich selbst nicht mehr zutraut, an seine Leser weiter reicht? In Sunrise endet die Einmischung des Zuh\u00f6rers \/Lesers mit dem Verlust des Lebens. Warum? Weil die Besch\u00e4ftigung mit literarischen Problemen sich mit fiktiven Problemen besch\u00e4ftigen hei\u00dft? Dazu k\u00f6nnte passen, dass Richard \/ der Tod als das alter Ego des Autors K\u00f6hlmeier, bevor er tats\u00e4chlich zuschl\u00e4gt, seinem Zuh\u00f6rer anbietet, ja diesen geradezu dr\u00e4ngt, die bereitstehende Mitfahrgelegenheit zu n\u00fctzen, was in diesem Zusammenhang nichts anders bedeuten kann, als die Aufforderung, das Leben beim Schopf zu packen und nicht immer auf die n\u00e4chste Gelegenheit zu warten. In der Diskussion der Gegenwartsliteratur \u00fcber Aufgaben und Funktionen der Literatur sind solche Gedanken wie die Kontraproduktivit\u00e4t des Lesens \u2013 allerdings in Gemeinschaften, wo viel gelesen wird &#8211; als einer folgenlosen Flucht und Kompensation f\u00fcr real versagtes Leben und Medium der Libidobindung keine unbekannten.<\/p>\n<p>Warum d\u00fcrfen wir Richard, den Tod, als alter Ego des Autors begreifen? Autoren steht es grunds\u00e4tzlich frei, ihre Sehns\u00fcchte und \u00c4ngste auf alle erdenklichen, eben die bereit stehenden Figuren zu werfen; psychologisch gesprochen: sie auf diese zu projizieren (Prometheus, Ganymed, Sisyphos usw.). Die Identifikation mit bestimmten Figuren hat ihre individual- und sozialgeschichtlichen Gr\u00fcnde. Sie kommt nicht aus dem Nichts. In der Aufkl\u00e4rung waren es Lichtfiguren, vom Optimismus getragen, mit denen sich die Literaten aufs hohe Ross setzten. Inzwischen sind fast drei Jahrhunderte vergangen und eine hochnotpeinliche Diskussion \u00fcber die Rolle der Kunst bei der Bew\u00e4ltigung der Probleme des Lebens hat alles von oben nach unten gekehrt. Vom alten Fortschrittsglauben ist nicht mehr viel \u00fcbrig geblieben. Aus den Lichtbringern sind aus den geschilderten Gr\u00fcnden sogar Unheilverk\u00fcnder( zB die Kassandra bei Christas Wolf) und Todbringer geworden. In der Fiktion ja schon immer: Literaten bringen Figuren zur Welt, beseitigen sie auch wieder. Auf die Realit\u00e4t bezogen ist die Qualifikation \u201eTodbringer\u201c sicher \u00fcberspitzt formuliert. Wenn man aber realisiert, dass man im Literaten auch denjenigen sehen kann, der die dem \u201eeigentlichen Leben\u201c geltende Energie abzieht, dann klingt die Vorstellung vom Literaten als Todbringer vielleicht nicht mehr so fremd.<\/p>\n<p>Autoren sind von Beruf Erz\u00e4hler. Sie haben ihre Figuren in der Hand, auch wenn sie sich aus guten Gr\u00fcnden (der Glaubw\u00fcrdigkeit ihres Schreibens) \u2013 heute fast immer \u2013 eine Beschr\u00e4nkung der Perspektive (personales Erz\u00e4hlen) auferlegen. Das Schicksal ihrer Figuren: Leben und Tod liegt ganz bei ihnen und ihrem Erz\u00e4hlplan. In K\u00f6hlmeiers Erz\u00e4hlung gibt es mit Richard nur eine Figur, die an Machtf\u00fclle mit einem Autor vergleichbar ist, eben den Tod.<\/p>\n<p>Andererseits ist auch der Rahmen, das hei\u00dft: die mit dem Anspruch eines Wirklichkeitsberichtes auftretende Erz\u00e4hlung in Wirklichkeit nur Illusion, also fingiert, erz\u00e4hlt und alles in allem ein \u201eliterarisches Vexierbild \u00fcber Chancen und Gefahren des Erz\u00e4hlens\u201c (Wolfgang Bunzel). Das zeigt sich auch noch im allerletzten Satz. Dass der Tod diesmal erfolgreich zugeschlagen hat, erz\u00e4hlt n\u00e4mlich nicht er oder der vom Sichelwurf Getroffene; das liefe auf einen Konstruktionsfehler in der Erz\u00e4hllogik hinaus. Das allerletzte Wort in diesem Text oder dramatischen Geschehen spricht eine Figur, die bisher \u00fcberhaupt noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wir d\u00fcrfen sie uns als eine Figur vorstellen, mit der K\u00f6hlmeier noch einmal augenzwinkernd eine Schraube im Verwirrspiel \u201eRealit\u00e4t oder Fiktion\u201c anzieht.<\/p>\n<p>Also bleibt der Text insgesamt ein wundersch\u00f6ner Spielball in den H\u00e4nden von Literaturbeflissenen, welche die Verdichtungskraft eines Autors zu sch\u00e4tzen wissen, ohne aus ihm einen Gott zu machen. Dann werden sie von ihm auch nicht geblendet<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Leseempfehlung f\u00fcr die Ferien \u00a0 (ABGEDRUCKT IM JAHRESBERICHT DES MUSISCHEN GYMNASIUM 2004\/05) Michael K\u00f6hlmeiers Erz\u00e4hlung &#8220;Sunrise&#8221; (1994) Fischer TB12920, 75S \u2013 7,10 \u20ac Im Folgenden wird ein Prosatext des bekannten Vorarlberger Autors vorgestellt, der in einer 6. 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