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{"id":126,"date":"2016-07-10T21:29:19","date_gmt":"2016-07-10T21:29:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=126"},"modified":"2016-07-28T14:38:24","modified_gmt":"2016-07-28T14:38:24","slug":"pensionsrede-thiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=126","title":{"rendered":"Rede anl\u00e4sslich der Pensionierung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #ff9900;\">(ABGEDRUCKT IM JAHRESBERICHT DES MUSISCHEN GYMNASIUM 2007\/08)<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #ff9900;\">\u00a0<\/span><\/h4>\n<h5>\u00a0<strong>Am 3. JULI 2008<\/strong><\/h5>\n<p>Was sagt man schon als abiturus? Es hat mich sehr gefreut und hinter mir die Sintflut. Oder: Freut euch, solange es noch m\u00f6glich ist, des Arbeitsplatzes, der euch sicher ist, den allermeisten jedenfalls hier in der Runde.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte auch wie G\u00fcnter Eich nach der Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg n\u00fcchtern Bilanz ziehen; etwa so:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das sind meine Schl\u00fcssel \u2013 zum Abgeben. L\u00f6ffel ist keiner dabei.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das sind meine Hausschuhe, die das Finanzamt unter der Rubrik erh\u00f6hte Werbunsgskosten trotz meines Hinweises auf die Hausschuhpflicht an unserer Schule nie anerkannt hat.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das ist mein letzter Lohnzettel, Gehaltsstufe 18, Dienstalterszulage.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das ist das Schachterl mit den bunten, abgebrochenen und stummen Zeugen meiner ungebrochenen Betriebsamkeit: Kreidenstummel in allen Farben. Die Spielchen mit der Farbenlehre schenke ich mir. Trotzdem merke ich kurz an, dass es schwarze Kreiden nicht gibt. Eine schwarze Schrift auf gr\u00fcnem Grund macht sich eben nicht gut. Mein Gott, wie viel Staub sich da angesammelt hat!<\/p>\n<p>Was habe ich noch abzugeben?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Jede Menge Illusionen. Zum Beispiel die, dass es irgendeine Regierung g\u00e4be, die ein paar Milliarden in die Hand nimmt und sie in das Schulsystem investiert. Ich komme an einer sp\u00e4teren Stelle noch einmal auf diese Milliarden zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Und das ist der kleine Bleistift, der mir am liebsten ist. Mit dem habe ich alles aufgeschrieben, was ich so am Wegrand gefunden habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz stimmt der Bezug auf den ber\u00fchmten H\u00f6rspielautor nat\u00fcrlich nicht, denn im Krieg habe ich mich in den letzten drei\u00dfig Jahren nie befunden und in einer Gefangenschaft, aus der ich jetzt fl\u00fcchten m\u00fcsste, auch nicht. Also ein neuer Anlauf zu einer weniger n\u00fcchternen Inventur.<\/p>\n<p>Von einem der Sprache verpflichteten Germanisten und Kreativschreiber erwartet man sich wohl nicht, dass er sich jetzt stumm und sprachlos aus dem Staub macht, sondern ein paar zur Situation passende S\u00e4tzlein absondert, dabei aber die Zeit einzusch\u00e4tzen wei\u00df, die ihm noch einger\u00e4umt wird. Es soll ja eine Verabschiedung mit gutem Abgang werden.<\/p>\n<p>Erstens bedanke ich mich f\u00fcr die ehrenden Worte, mit denen unser Direktor im Jahresbericht das herausgestrichen hat, was ich im Laufe meiner Lehrerjahre alles geleistet habe. Es ist da einiges zusammengekommen, worauf auch ich stolz bin. Ja, es ist richtig: Ich habe ma\u00dfgeblichen Anteil daran, dass das kreative Schreiben am Musischen Gymnasium, soweit ich sehen kann: der einzigen Schule in \u00d6sterreich, seit 1999 als Schwerpunktfach unterrichtet wird und ich bin es auch gewesen, der so lange keine Ruhe gegeben hat, bis sich die Schulgemeinschaft einen Schulpsychologen geleistet und installiert hat. Und vor vielen Jahren habe ich auch die Gr\u00fcndungsgeschichte unserer Schule aus den phantastischen H\u00f6hen der Sagenkunde wieder auf den Boden der n\u00fcchternen Geschichtswissenschaft heruntergeholt.<\/p>\n<p>Wovon k\u00f6nnte am Ende einer schwindelerregend steilen Lehrerkarriere hinauf \u00fcber die achtzehn Treppchen in die h\u00f6chste Gehaltsklasse und dann zu einer Dienstalterszulage, die man erst dann bekommt, wenn man vier Jahre ohne Vorr\u00fcckung am Stand stecken geblieben ist, und au\u00dfer einem Ehrentitel ohne irgendein materielles \u00c4quivalent nichts anzubieten hat, die Rede sein? Von der guten alten Zeit vor 30 Jahren vielleicht, als noch der H\u00f6ller Toni unsere spiritusgetr\u00e4nkten Matrizen mit der Hand an der Kurbel vervielf\u00e4ltigt hat, kein Kopierer zur Verf\u00fcgung stand und die Videosysteme in den teuren Kinderschuhen steckten? Eine auf zwei Stunden ausgelegte VCR-Kassette kostete damals 450 Schilling. Von der Aufbruchsstimmung in der Traumzeit des Musischen Gymnasiums in den Siebzigern und den damals entwickelten Didaktik-Utopien k\u00f6nnte da die Rede sein. Die Kl\u00e4rung dieser Thematik \u00fcberlasse ich aber lieber dem Plausch der Pensionisten, die sich ja bald vermehren werden, wenn wir uns, wo auch immer, zusammenfinden und \u00fcberlegen werden, ob sich in didaktischer Hinsicht innerhalb bald eines halben Jahrhunderts etwas Entscheidendes getan hat, wenn wir die eigene Schulzeit, das sind die 60er Jahre, mit der in unserer Berufslaufbahn vergleichen, ob zum Beispiel das Teamteaching schon eingef\u00fchrt worden ist oder ein sinnvolles Kurssystem oder \u00fcberhaupt ein Curriculum, das die Sch\u00fcler nicht mehr von einem Test zum anderen hetzen l\u00e4sst und an solchen Pr\u00fcfungstagen halbe Klassen leer fegt. Und ob es dem Musischen Gymnasium nicht gut anst\u00e4nde, neben der Profilierung, die uns in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, eben so viel Energie bei der Bearbeitung dieser Problemfelder zu investieren. Das wird wohl die Aufgabe der n\u00e4chsten Generation von Lehrerinnen sein m\u00fcssen, wenn das Musische Gymnasium nicht von zentrifugalen Kr\u00e4ften auseinandergerissen werden soll. Lehrerinnen habe ich gesagt, denn darauf wird es ja, wenn der Trend anh\u00e4lt, hinauslaufen.<\/p>\n<p>Man muss \u00fcbrigens \u00fcber keine prophetischen Gaben verf\u00fcgen, um behaupten zu k\u00f6nnen, dass (jedenfalls aus der Perspektive des Germanisten) die mit viel Aufwand ausgearbeiteten\u00a0\u00a0 Leistungsstandards &#8211; Achtung! Da gibt es Karrierechancen und Nebenverdienstm\u00f6glichkeiten &#8211; einschlie\u00dflich der Zentralmatura nicht die Qualit\u00e4t garantieren werden, die sich aus meiner Sicht praxis- und weltabgehobene Verwaltungsp\u00e4dagogen im Schlepptau einer auf Formatierung scharfen Wirtschaft davon ertr\u00e4umen. Wenn nicht in die Verbesserung der Infrastruktur der Schulen, also die Klassensch\u00fclerh\u00f6chstzahlen, die Mittelausstattung f\u00fcr innovative Unterrichtsformen, die Verbesserung der Lehrerarbeitspl\u00e4tze, Schulk\u00fcchen, Lern- und Freizeitr\u00e4ume f\u00fcr die Nachmittagsbetreuung und viele andere Selbstverst\u00e4ndlichkeiten mehr, die einzurichten Jahrzehnte lang verabs\u00e4umt worden ist, Milliarden gesteckt werden, werden diese Mindeststandards unter Umst\u00e4nden zwar ein besseres Abschneiden bei den PISA-Aufgaben bewirken. Damit wird man den Ehrgeiz des Vaterlandes ruhig stellen, aber keinen Schluss auf ein bestimmtes oder gar angehobenes Bildungsniveau ziehen k\u00f6nnen. Es sei denn, man begreift den erhofften Testglanz als Reflex der im Sch\u00fcler bis dorthin gewachsenen Bildung und nicht als Ergebnis einer wiederum nur punktuell erworbenen F\u00e4higkeit, n\u00e4mlich einen Test (nach entsprechender \u00dcbung) zur Zufriedenheit der Testerfinder auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Vom Arbeitsplatz k\u00f6nnte in so einer Rede noch die Rede sein. Nicht von den Quadratzentimetern, auf dem unsereins seine goldenen Eier legen soll, oder von den uns aufgen\u00f6tigten Investitionen f\u00fcr die Anschaffung des Computers, der B\u00fccher, des Schreibmaterials, f\u00fcr die Aufbewahrung der Unterrichtsmaterialien in der Privatwohnung, Investitionen, die wir maximal mit 20 Prozent, im Falle der Nutzung unserer Privatwohnung als Arbeitsplatz gar nicht zur\u00fcckerstattet bekommen \u2013 ein ewiger Stachel im Fleisch einer diesbez\u00fcglich s\u00e4umigen Gewerkschaft. Die k\u00f6nnte zum Beispiel einmal ausrechnen lassen, wie viel Geld der Staat den Lehrern aller Schulkategorien &#8211; sagen wir einmal seit dem Beginn der 2. Republik, also seit 60 Jahren &#8211; aus der Tasche gezogen bzw. in einer kalten Enteignung vorenthalten hat. Das soll die Gewerkschaft ausrechnen und dann in einer Sammelklage zur\u00fcckfordern. Ich glaube nicht, dass wir uns in einer schlechteren Verhandlungsposition befinden als die australischen Aborigines. Die erstrittene astronomische Summe werden wir dann, uneigenn\u00fctzig wie wir sind, in die Verbesserung der Infrastruktur des Schulsystems investieren, denn auch wir auf der untersten Stufe dieses Feudalsystems haben unsere utopischen Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Nein, von diesem Aspekt des Arbeitsplatzes soll nicht weiter die Rede sein, sondern von Freuden, die wir erleben d\u00fcrfen, weil wir zu den wenigen privilegierten Dienstnehmern geh\u00f6ren, die auf der Basis der uns bisher einger\u00e4umten p\u00e4dagogischen Freiheit und nur den Vorgaben des Lehrplans und unserem Arbeitsethos verpflichtet, unsere t\u00e4gliche Arbeit selbst gestalten d\u00fcrfen und diese wirklich oft durch unterrichtsfreie Zeiten unterbrochen wird. Dazu kommt, dass eine Schulaufsicht, die\u00a0\u00a0 ihren Namen verdienen w\u00fcrde, praktisch nicht existiert. Das werden ja selbst die j\u00fcngeren Semester, sollte es welche geben, schon gemerkt haben. Dank auch der jungen Klientel, die wir betreuen, haben wir einen unvergleichlichen Arbeitsplatz, der uns selber jung und in Spannung h\u00e4lt. Ich gebe schon zu, dass ich in der letzten Zeit ein bisschen nachgelassen habe und bei seltsamen oder originellen Namen, zum Beispiel take five, mir nicht mehr zu merken gewillt bin, ob das jetzt ein neues In-Lokal am Kai, ein Softwareprogramm, ein multifunktionales Handy, eine Popgruppe, eine Musikrichtung, die Werbung f\u00fcr ein Lutschbonbon oder ein Film in diesen mit Popcorn \u00fcbers\u00e4ten L\u00e4rmtempeln ist. Auch dem\u00a0\u00a0 Schl\u00fcsselbund renne ich in letzter Zeit \u00f6fter nach, als mir lieb ist. Das hat aber auch wirklich mit der metrosexuellen Kleidung zu tun, in die wir modebewussten M\u00e4nner uns hineinzw\u00e4ngen lassen. Fr\u00fcher, ja fr\u00fcher, da waren die Hosen- oder Sakkotaschen weit genug, um die l\u00e4cherlichen zwei T\u00fcr\u00f6ffner aufzunehmen, ohne dass das Bein- und Oberkleid aus der Fassung geraten w\u00e4re. Die heutigen Sakkos sind ja so k\u00f6rperbetont zugeschnitten, dass sich oft nicht einmal ein Platz f\u00fcr Seiten- und Innentaschen ausgeht. Da kann man einen Schl\u00fcsselbund schon leicht vergessen! Und h\u00f6ren tu ich auch schon ein bisschen schlecht. Ich wei\u00df ja nicht, wie es euch geht, aber Sch\u00fclerantworten ab der dritten Reihe kriege ich bei dem allgemeinen Geraschel und den desastr\u00f6sen akustischen Verh\u00e4ltnissen in den Klassenr\u00e4umen auch nicht mehr mit. Die Mitsch\u00fcler genau so nicht.. Was ist \u00fcbrigens mit den L\u00e4rmampeln? Kommen die jetzt oder r\u00fcstet man damit nur Kinderg\u00e4rten aus? Und bevor ich denn die Schulglocke nicht mehr h\u00f6re und also den Unterricht zu sp\u00e4t beginne und nat\u00fcrlich auch zu fr\u00fch beende, weil ich das Ende \u00fcberh\u00f6rt haben k\u00f6nnte, habe ich mich denn entschlossen, als einer abzutreten, der praktisch nie krank gewesen ist und immer flei\u00dfig gehackelt hat: dem also auch die Segnungen der Hacklerregelung zuteil werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen kenne ich jetzt, nachdem ich lange in den Archiven Kakaniens unter der Rubrik Ehrentitel und Orden geforscht habe, den eigentlich gemeinten, den Hintersinn des OStR. Hinter der Oberfl\u00e4che des O ES TE ER, also dem Ehrentitel Oberstudienrat, verbirgt sich eine in eine lateinische Sentenz verpackte Aufforderung, n\u00e4mlich folgende: OMNIS SAPIENS TENDIT REQUIESCERE, also O S T R. Wenn man dieses zugegeben nicht mehr ganz klassische Latein ins Deutsche \u00fcbersetzt, dann kommt man auf die Formel: Jeder Weise strebt nach Ruhe. Und das tue ich jetzt auch \u2013 ein bisschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(ABGEDRUCKT IM JAHRESBERICHT DES MUSISCHEN GYMNASIUM 2007\/08) \u00a0 \u00a0Am 3. JULI 2008 Was sagt man schon als abiturus? Es hat mich sehr gefreut und hinter mir die Sintflut. 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