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{"id":435,"date":"2021-10-23T18:22:24","date_gmt":"2021-10-23T18:22:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=435"},"modified":"2021-10-23T18:27:28","modified_gmt":"2021-10-23T18:27:28","slug":"rezension-zu-alessandro-bariccos-roman-mr-gwyn-2011","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=435","title":{"rendered":"Rezension zu Alessandro Bariccos Roman Mr. Gwyn (2011)"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:15px\">geschrieben im Sommer 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Der folgende Text ist zuerst einmal eine ausf\u00fchrliche Inhaltsangabe; mit Bezug auf die Seitenzahlen in der deutschen Taschenbuchausgabe entweder im Flie\u00dftext, sofern die Textstellen nur kurz sind, oder in Form einer eigenen Fu\u00dfnote. Alle Zitate sind kursiv gesetzt. Damit die im Plot eingesetzten und die Neugier der Leserschaft ausl\u00f6senden &nbsp; Motive&nbsp; besser erkennbar werden, folgt die Inhaltsangabe nicht immer der Chronologie des Romangeschehens. Worum es in den&nbsp; jeweiligen Abschnitten geht, darauf mache ich in&nbsp; kurzen \u00dcberschriften &nbsp; aufmerksam. Ich weiche auch ein paarmal von der blo\u00dfen Wiedergabe ab und nehme Stellung, wenn &nbsp; mir ein Motiv oder eine Stelle kommentierenswert erschien.&nbsp; In einem zweiten Schritt ziehe&nbsp; ich auf einer abstrakteren Ebene ein Fazit.<\/p>\n\n\n\n<p>herausragender Literat zieht sich nach zw\u00f6lf Jahren <em>unnat\u00fcrlicher \u00f6ffentlicher Zurschaustellung<\/em> (91) aus der literarischen \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck<\/p>\n\n\n\n<p>Jasper Gwyn, die m\u00e4nnliche Hauptfigur in diesem Roman, ist&nbsp; ein seit 12 Jahren im In- und Ausland erfolgreicher und knapp \u00fcber 40 Jahre alter Literat und teilt der literarischen \u00d6ffentlichkeit in einem Zeitungsartikel (im Guardian, London) mit, dass er ab sofort keine B\u00fccher mehr schreiben und publizieren wird. Das Entsetzen seines Verlegers ist gro\u00df, seine \u00dcberredungsversuche fruchten nichts. Auch seine Leser und Leserinnen m\u00fcssen diesen R\u00fcckzug bedauern, hat ihn Baricco doch mit einer Reihe von hohen literarischen Qualit\u00e4ten ausgestattet, die sie nun, wenn er seine Ank\u00fcndigung wahrmacht, vermissen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Erz\u00e4hler herausgestrichen werden dabei: die bewundernswerte F\u00e4higkeit des Autors in den drei bisher ver\u00f6ffentlichten Romanen Schreibtechniken an den Tag gelegt zu haben, <em>dass man sie schwerlich als Erzeugnisse ein und desselben Verfassers erkennen konnte<\/em> (8), die Leichtigkeit, mit der er sich in Personen hineinversetzen und ihre Gedanken voraussagen kann (9), die meisterhaft gearbeiteten Szenen&nbsp; in einem Krimi \u00fcber F\u00e4lle mysteri\u00f6sen Verschwindens (8, 27), ein Roman,&nbsp; der zu den hundert&nbsp; B\u00fccher z\u00e4hlt, die man vor seinem Tod gelesen haben muss (193). Sehr viel sp\u00e4ter werden wir erfahren, dass Jasper auch noch unter dem Pseudonym Klarisa Rode und Akash Narayan Romane publiziert hat, die im Rahmen der Plotkonstruktion eine wichtige Rolle spielen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Zeit&nbsp; genie\u00dft Jasper sein Leben, weil er sich nicht mehr&nbsp; den Zw\u00e4ngen unterworfen f\u00fchlt, der er als \u00f6ffentliche Person ausgesetzt war. Doch bald&nbsp; beginnt er den Akt des Schreibens zu vermissen und es stellen sich Verstimmtheit und Unbehagen ein, so dass er sich&nbsp; Besch\u00e4ftigungen mit Schreibbezug vorstellt, durch deren \u00dcbernahme er seine&nbsp; Ank\u00fcndigung von der literarischen B\u00fchne abzutreten&nbsp; aber nicht umsto\u00dfen muss. Damit wird unsere Neugier geweckt zu erfahren, wie eine auf Schreiben ausgerichtete Psyche mit diesem Problem umgeht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Folgen des Schreibentzugs und berufliche Neuorientierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jasper Gwyn zieht das Verfassen von Reisef\u00fchrern, Gebrauchsanweisungen oder das Schreiben f\u00fcr Leute, die nicht schreiben k\u00f6nnen, und sogar die T\u00e4tigkeit eines \u00dcbersetzers&nbsp; in Erw\u00e4gung (18). Nach einem Jahr seit seiner Ank\u00fcndigung den Beruf des Schriftstellers aufzugeben hat der immer noch anhaltende Schreibentzug bei Gwyn sogar zu einer Orientierungslosigkeit in seiner n\u00e4heren Wohnumgebung gef\u00fchrt. Dem Problem der fehlenden Struktur und der im \u00dcberma\u00df zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit versucht er erst einmal mit der&nbsp; konzentrierten Wahrnehmung&nbsp; seines bewusst verlangsamten Alltagslebens Herr zu werden. Die Beobachtung von&nbsp; Schuhen, Ger\u00e4uschen, Farben oder das Z\u00e4hlen von Dingen f\u00fchren zwar zu einer gewissen&nbsp; Stabilisierung seines Seelenlebens, das Unbehagen aber und die Leere ohne Schreiben lassen sich nicht l\u00e4nger leugnen. Gwyns \u00dcberlegungen, welchen Beruf er jetzt ergreifen k\u00f6nnte, sind dann aber (doch ganz pl\u00f6tzlich) von Erfolg gekr\u00f6nt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zuletzt&nbsp; war das Einzige, was ihm klar vor Augen stand, ein Wort: Kopist<\/em> \u2026 <em>kein richtiger Beruf<\/em>, aber ein Wort mit <em>Nachhall<\/em>, das <em>Diskretion und Geduld<\/em> vermittelt, eine <em>Mischung aus Bescheidenheit und Feierlichkeit<\/em> (19). Die Frage, was&nbsp; in der wirklichen Welt dem Wort Kopist entspricht, so dass er einen Beruf daraus machen kann, wird ihn in der n\u00e4chsten Zeit besch\u00e4ftigen. Auch wir als Leser r\u00e4tseln mit und sind neugierig geworden. An die Arbeit der&nbsp; M\u00f6nche des Mittelalters, die in den Kl\u00f6stern Texte theologischen Inhalts abgeschrieben und damit vervielf\u00e4ltigt haben, ist wohl nicht gedacht.&nbsp; Bis ihm (und uns) das nach und nach klar wird und sein Plan der&nbsp; beruflichen Neuorientierung&nbsp; endlich konkrete Formen annimmt, werden \u00fcber zweiJahre&nbsp;bzw. fast zwei Drittel der insgesamt 230 Romanseiten investiert sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Gespr\u00e4ch mit&nbsp; der \u201eDame mit dem Regenschirm\u201c, die ihn im Krankenhaus, es geht ihm nach wie vor nicht gut, auf seine m\u00f6glicherweise versiegenden literarischen Ideen anspricht, erneuert er seinen Wunsch, einen anderen Beruf auszu\u00fcben und greift die Idee als Kopist&nbsp; zu arbeiten wieder auf (29: <em>Ich glaube, es w\u00fcrde mir gefallen, ein Kopist zu sein.<\/em>). Sie ist es dann auch, die ihm die Idee <em>Menschen zu kopieren<\/em> und das <em>so wie sie sind<\/em> (30), nahelegt. Mit dieser Person wird Gwyn auch nach ihrem Tod immer wieder einmal kommunizieren&nbsp; und sie wird ihn in seinem Vorhaben \u201eMenschen zu kopieren\u201c verst\u00e4rken. Baricco f\u00fchrt seinen Protagonisten&nbsp; mit dieser Figur &#8211; unschwer als ein alter ego von Jasper zu erkennen &#8211; zu den kreativen Phantasien der Kinderzeit zur\u00fcck (28: <em>Sie wirkten wie zwei, die als Kinder zusammen auf der Schule waren \u2026 <\/em>).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch immer hat er keine Vorstellung, was er leisten muss, wenn er Menschen kopieren soll. In dieser Situation setzt Baricco den Regisseur Zufall ein. An diesem Tag<em> schlug er wie von selbst den Weg ein, den er mit der alten Dame gegangen war<\/em> (38) und dieser f\u00fchrt ihn&nbsp; w\u00e4hrend eines starken Regens in eine Galerie, in der zahlreiche Aktbilder von M\u00e4nnern und Frauen ausgestellt sind. Diese Akte und den dazugeh\u00f6rigen Katalog, ein Fotoband (42: der Maler mit seinen Modellen in seinem Atelier), wird er intensiv studieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktportraits: stumme Menschen mit falscher Identit\u00e4t<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;Grenzen der Malkunst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es folgen Reflexionen \u00fcber die T\u00e4tigkeit eines traditionellen Portrait-Malers vor Erfindung des Fotoapparates im Vergleich zu dem, was ein Literat beim Schreiben leisten kann.&nbsp; Einiges an den Akten und Bildern st\u00f6rt ihn, zum Beispiel&nbsp; die jahrelange Arbeit des Malers, ohne die Technik zu \u00e4ndern, aber bei einem Vergleich des Aktbildes im Katalog mit dem Akt auf der Leinwand stellt er fest, dass in diesem Fall <em>etwas wie eine Wanderung<\/em> (43: eine Chiffre f\u00fcr die Methode des Malers) geschehen sein m\u00fcsse und es dem Maler in diesem Fall gelungen sei, den portraitierten Mann <em>nach&nbsp; Hause zur\u00fcckzubringen<\/em> (43: eine Chiffre f\u00fcr das erreichte Ziel). Diese Formulierung, durch Kursivdruck noch besonders hervorgehoben, wird er als Motto f\u00fcr sein&nbsp; Ziel Personen durch Schreiben zu kopieren bzw. zu portraitieren \u00fcbernehmen. Wie die Idee des Kopierens von Menschen, <em>so wie sie sind<\/em>, in die Realit\u00e4t des Portraitierens \u00fcbergef\u00fchrt werden kann, kann er seinem Verleger-Freund Tom aber nach wie vor nicht erkl\u00e4ren (50). Immerhin wird ihm klar, dass&nbsp; das durch Schreiben bewerkstelligte Portraitieren von&nbsp; Personen&nbsp; Arbeit ist, vergleichbar mit der&nbsp; Arbeit, <em>als w\u00fcrde er einen Tisch f\u00fcr sie herstellen oder ihnen das Auto waschen<\/em> (51). Die von&nbsp; ihm auftragsgem\u00e4\u00df angefertigten Portraits in Form von beschriebenen Bl\u00e4ttern w\u00fcrden die Leute bei sich zu Hause in einer Schublade aufbewahren. Die Aktbilder in der Galerie und der Katalog mit dem&nbsp; Maler und seinen Modellen, deren Nacktheit f\u00fcr ihn <em>eine Art urspr\u00fcnglicher Zustand vor jedem Schamgef\u00fchl <\/em>ist (42), haben es Gwyn jedenfalls so angetan, dass er nun wei\u00df, was er zu tun hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Preziosit\u00e4t im Atelier<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind zwei Jahre, drei Monate und zw\u00f6lf Tage nach Gwyns Ank\u00fcndigung keine B\u00fccher mehr zu schreiben vergangen (91). E mietet ein ger\u00e4umiges Atelier an und arrangiert mit gro\u00dfer Sorgfalt die Umst\u00e4nde, unter denen das Portraitieren stattfinden soll. Da sein Talent zum Schreiben nun einer Irritation unterworfen ist, bez\u00fcglich des Schreibens von Portraits hat er ja keine Erfahrung, greift er zu (und behilft sich mit)&nbsp; einem <em>Ritual<\/em> (81) f\u00fcr den Ablauf der zu erwartenden Portraitsitzungen. F\u00fcr die Ausleuchtung werden 18 von einem genialen Handwerker hergestellte Gl\u00fchbirnen in einem <em>kindlichen<\/em> Farbton zwischen Amber bis Himmelblau sorgen, die nach einem ausgekl\u00fcgelten Plan in einem bestimmten Intervall erl\u00f6schen werden, bis im Atelier vollst\u00e4ndige Dunkelheit herrscht,&nbsp; und f\u00fcr die akustische Untermalung w\u00e4hrend der Sitzungen eine speziell zu diesem Zweck komponierte <em>kindlich<\/em> wirkende Hintergrundmusik. Das&nbsp; Motiv \u201ekindlich\u201c wird im Roman mehrfach angeschlagen, auch im Kontext mit Nacktheit. Kopfzerbrechen bereitet ihm vorerst, dass ihm seine Modelle 32 Tage lang vier Stunden t\u00e4glich in v\u00f6lliger Nacktheit zur Verf\u00fcgung stehen sollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon zu Beginn des Romans (S. 24) hat Baricco auch Rebecca, ein dickes M\u00e4dchen und die weibliche Hauptfigur des Romans, die als Praktikantin im Verlag seines Verlegers arbeitet, in das Geschehen eingebunden. Neben Telefongespr\u00e4chen wird \u00fcber sie die Verbindung des Verlags mit seinem Zugpferd Jasper Gwyn aufrechtgehalten. Als er eben diese Praktikantin f\u00fcr einen ersten Probelauf seiner neuen T\u00e4tigkeit in Erw\u00e4gung zieht, kann die inzwischen verstorbene Dame mit der Regenhaube seine Bedenken zerstreuen (77: <em>Es handelt sich um eine Arbeit, Mr. Gwyn. Sie bitten die Frau ja nicht, mit Ihnen ins Bett zu gehen.<\/em>).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Rebecca ihre Mitwirkung zusagt, die Umst\u00e4nde, unter denen die Sitzungen stattfinden, sich bew\u00e4hren und das schriftliche Portrait zu vollster Zufriedenheit f\u00fcr beide gelingt, wird die Annonce <em>Schriftsteller verfertigt Portraits <\/em>aufgegeben (149). Diese hat Erfolg, niemand stellt die Nacktheit als Bedingung f\u00fcr die Portraitarbeit in Frage, so dass, Rebecca mitgerechnet, 11 Portraits auf diese Weise entstehen. Die von Rebecca, die er inzwischen zu seiner Agentin gemacht hat, ausgew\u00e4hlten Auftraggeber haben vor Antritt der Sitzungen einen Vertrag unterschrieben, in dem sie sich verpflichten, alles \u00fcber die Portraits geheim zu halten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mysterium Kopist \/ Was steht in den Portraits?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr lange wird um&nbsp; die T\u00e4tigkeit des Kopierens von Menschen, denn die werden ja der Gegenstand seiner neuen beruflichen T\u00e4tigkeit sein, ein gro\u00dfes Geheimnis gemacht. Das Kopieren von Menschen, so wie sie sind,&nbsp; besteht, wie wir schon&nbsp; erfahren haben, darin,&nbsp; Menschen zu portraitieren (46), aber erst vier Seiten vor dem Ende des Romans wird sich herausstellen, dass diese Arbeit nicht in Form einer Personenbeschreibung oder Charakterisierung, also in Form eines Sachtextes, geleistet wird, sondern in Form einer Geschichte mit Handlung (dazu ausf\u00fchrlich und phantasievoll 225f;).&nbsp; Diese wesentliche&nbsp; Information bekommt die Leserschaft an dieser Stelle freilich nicht von Gwyn, der sich zu diesem Zeitpunkt von der T\u00e4tigkeit des Portraitierens&nbsp; schon wieder verabschiedet hat, sondern aus zweiter Hand, also aus der Perspektive von Rebecca, der weiblichen Hauptperson des Romans. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anders noch&nbsp; als auf Seite 81, wo er glaubt, ohne&nbsp; die Formen des fiktionalen Schreibens auskommen zu k\u00f6nnen, wie es seiner Ank\u00fcndigung im Guardian entspr\u00e4che, greift Gwyn letztlich doch auf die ihm als Romanautor vertrauten F\u00e4higkeiten zur\u00fcck.&nbsp; Aber er hat es diesmal mit realen Personen zu tun, die er nicht wie Romanfiguren erst erfinden muss und dann f\u00fcr seinen Plan mit den passenden&nbsp; glaubw\u00fcrdigen Handlungseigenschaften ausstattet. Jetzt erfindet er eine Geschichte zu realen Menschen, schreibt also einen fiktionalen Text und f\u00fchlt sich&nbsp; auf der Basis seiner F\u00e4higkeit, sich in Personen hineinversetzen zu k\u00f6nnen, in der Lage, auch wirkliche&nbsp; Menschen mit einem Portrait in Form einer Geschichte charakterisieren zu k\u00f6nnen, die einer \u00dcberpr\u00fcfung durch die Portraitierten standhalten k\u00f6nnen (zu den Reaktionen der Portraitierten sp\u00e4ter). Er schreibt mit anderen Worten Literatur auf Bestellung f\u00fcr spezielle Auftraggeber. Dass Gwyn zu dem Zeitpunkt, als er mit seiner Arbeit beginnen will (85), noch immer nicht wei\u00df, was es hei\u00dft, ein Portrait zu schreiben, m\u00fcssen wir&nbsp; ihm einfach abnehmen, schlie\u00dflich war es Baricco, der ihn mit diesem Glauben ausgestattet hat, dass Literatur vergleichbar Stichh\u00e4ltiges und Belastbares zur Personenerkenntnis leisten kann wie beispielsweise ein Fachmann in einem Psychoanalyse-Gutachten. Im \u00dcbrigen wird die Neugier dar\u00fcber, was denn nun in den angefertigten Portraits zu lesen ist, weiter am K\u00f6cheln gehalten. Aber bis zum Ende des Romans wird der Leser keine einzige Zeile zu Gesicht bekommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders geht es den Auftraggebern nach der Lekt\u00fcre ihrer Portraits. Alle sind sie&nbsp; von den (unterschiedlich langen) Texten, f\u00fcr die sie nach einem nicht erkennbaren System unterschiedlich viel bezahlen, und die sie bald nach der letzten Sitzung von der Assistentin Gwyns in einer adrett verpackten Mappe \u00fcberreicht bekommen, ausnahmslos angetan. Sie geben zu verstehen, dass sie sich erkannt f\u00fchlen und mit diesen Portraits etwas ganz Kostbares in den H\u00e4nden halten. Rebecca findet das Portrait von Gwyns Verleger-Freund Tom, das er im Krankenhaus kurz vor dessen Tod f\u00fcr ihn anfertigt, z<em>um Verwechseln \u00e4hnlich<\/em> (208). Es soll ihn <em>zur\u00fcck nach Hause bringen<\/em> (164).&nbsp; Hier erh\u00e4lt diese gar nicht mehr so r\u00e4tselhafte Aussage \u00fcber die Wirkung von Kunst (zum ersten Mal so formuliert in der Galerie 43) sogar eine metaphysische Ausrichtung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Knalleffekt&nbsp; beim letzten Aktmodell<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den Tagen, in denen&nbsp; es Gwyn mit einer bildh\u00fcbschen und&nbsp; verf\u00fchrerischen Neunzehnj\u00e4hrigen zu tun bekommt, es wird das letzte Portrait sein, tauchen in Boulevardzeitungen Informationen \u00fcber die pikante Zusammenarbeit mit seinen Modellen auf. Als&nbsp; schlie\u00dflich in einem neuerlichen Bericht sogar der Name des Literaten genannt wird, zieht er sich nach der Fertigstellung des Portraits und er Rebecca mit der Abwicklung dieses Unternehmens beauftragt hat, zur\u00fcck und bleibt (f\u00fcr immer) verschwunden. Rebecca, der die Beziehung zu&nbsp; Gwyn in der langen Zeit, als sie ihm als Modell und sp\u00e4ter als seine Agentin zur Verf\u00fcgung stand, alles andere als gleichg\u00fcltig geworden ist, &nbsp; bekommt zu ihrer Best\u00fcrzung von der Neunzehnj\u00e4hrigen unter Anf\u00fchrung intimer Details mitgeteilt, dass sie mit Jasper Gwyn geschlafen hat und sie es gewesen ist, die die Zeitungen mit den die \u00d6ffentlichkeit nun besch\u00e4ftigenden Informationen versorgt hat. Die Leserschaft wird (wie Rebecca auch) bis zum Ende des Romans im Ungewissen bleiben,&nbsp; ob ihre Behauptungen der Realit\u00e4t entsprechen. Als ihr von Gwyn am Ende ihrer T\u00e4tigkeit ein Paket zukommt mit allen Portraits, einem handgeschriebenen Dankesbrief (<em>Immer ihr dankbarer Jasper Gwyn, Kopist<\/em> 191) und einem Buchgeschenk, ein eben aus dem Nachlass der Schriftstellerin herausgekommener Roman von&nbsp; Klarisa Rode, wirft&nbsp; sie, entt\u00e4uscht \u00fcber ein solches Ende ihrer Beziehung zu Jasper das Buch an die Wand. Die Aush\u00e4ndigung und die Verwahrung der Portraits durch Rebecca folgt keiner Sachlogik, er selbst k\u00f6nnte besser daf\u00fcr sorgen, sondern der Plotkonstruktion. Rebecca wird durch sie zu ihren Recherchen veranlasst, die auch f\u00fcr uns Leser bestimmt sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Motiv <\/strong><em><strong>abschreiben<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach vier Jahren, inzwischen hat sie sich eine&nbsp; neue Existenz aufgebaut, eine Familie gegr\u00fcndet und sich mit dem Verschwinden Gwyns abgefunden, entdeckt Rebecca dieses Buch in einer Buchhandlung, beginnt zu lesen und entdeckt darin zu ihrer \u00dcberraschung ihr Portrait. Der schnell sich einstellende Verdacht (194), dass Jasper es von dieser Autorin abgeschrieben hat, also kopiert hat (kopieren diesmal im Sinn von: wortw\u00f6rtlich abschreiben), verwandelt sich bald in die freudige Erkenntnis, dass Gwyn auch der Autor aller Romane von Klarisa Rode ist (die von Rebecca schon lange vor dieser Entdeckung bewundert wird) und die Verarbeitung ihres Portraits ein Zeugnis f\u00fcr seine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr sie ist. Um sicher sein zu k\u00f6nnen, dass sie die einzige ist, die einer solchen zuteil geworden ist, l\u00e4sst sie&nbsp; einen Bekannten, ein lebendes Literatur-Lexikon und Experte f\u00fcr die Urheberschaft von Texten, dem sie alle Texte mit Ausnahme des eigenen vorlegt, \u00fcberpr\u00fcfen,&nbsp; ob Jasper in seiner <em>grenzenlose(n) Verschrobenheit<\/em> (200) bei der Ausarbeitung&nbsp; der Portraits der Auftraggeber nicht auch noch eine andere Person mit derselben Aufmerksamkeit bedacht hat. Tats\u00e4chlich&nbsp; findet der Experte (und das ohne Hinweis auf die Zuhilfenahme eines elektronischen Suchsystems) bei einem der Portraits eindeutige Parallelen zu einer Textstelle in einem Buch eines bereits verstorbenen Inders namens Akash Narayan&nbsp; mit dem Titel <em>Dreimal im Morgengrauen<\/em> Zu Hause versucht Rebecca eben dieses Portrait einer der Personen zuzuordnen, f\u00fcr die Gwyn geschrieben hat. Mit deren Biografie bestens vertraut, schlie\u00dflich sind&nbsp; sie von ihr ausgew\u00e4hlt worden, muss sie, als keines der Portraits sich mit einer dieser Personen zur Deckung bringen l\u00e4sst, den Schluss ziehen, dass Gwyn auch der Autor des Romans <em>Dreimal im Morgengrauen<\/em> ist und ihr mit dem untergeschobenen Portrait daraus&nbsp; ein zweites Geschenk gemacht hat, n\u00e4mlich sein Selbstportrait. Dessen Quintessenz ist wohl eine versp\u00e4tete Beziehungskl\u00e4rung zu ihr, wenn nicht sogar einer Liebeserkl\u00e4rung. Nachdem Rebecca das Buch von Narayan, das Gwyn mit einer Widmung f\u00fcr den Lampen-K\u00fcnstler versehen hat, diesem zur\u00fcckgebracht hat, verschwindet auch sie aus dem Romangeschehen, nicht aber Klarisa Rode, von der schon wieder ein Buch herausgekommen ist. Nach zwei Seiten einer gerafften Inhaltsangabe des Romans \u00fcber einen eigenartigen Hobby-Meteorologen macht Baricco dann augenzwinkernd endg\u00fcltig Schluss und auch der Held dieser schr\u00e4gen Geschichte verschwindet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Motiv der Nacktheit&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>am Beispiel der Portraitsitzungen mit Rebecca<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich beziehe ich mich bei der Darstellung und Beurteilung der&nbsp; Szenen schwerpunktm\u00e4\u00dfig nur auf die&nbsp; mit Rebecca, da diese breit angelegt sind und nicht kursorisch wie die der sp\u00e4teren AuftraggeberInnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nacktheit seiner Modelle sind also f\u00fcr Jasper Gwyn die unverzichtbare Voraussetzung f\u00fcr das Gelingen seiner Portraitarbeit. Er selbst ist, was intime Beziehungen betrifft, ein zur\u00fcckhaltender Typ (ein one-night-stand w\u00e4hrend eines Kurzurlaubes zu Beginn des Romanes ist auf die Initiative seiner Urlaubsbekanntschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren; S. 15) und sch\u00e4tzt Sch\u00fcchternheit. Beim Denken an ein nacktes Modell vor seinen Augen empfindet er <em>nichts als gro\u00dfe Verlegenheit und eine unvermeidliche Verwirrung <\/em>(76). Er legt sich auf ein weibliches Modell als ersten Versuch fest (76: <em>Eine Frau war auf jeden Fall besser, er w\u00fcrde nicht ganz bei Null anfangen m\u00fcssen.<\/em>). Aber <em>hier kam die Variable des Begehrens hinzu<\/em>. Da er die Anfertigung eines Portrait f\u00fcr eine Arbeit h\u00e4lt, <em>die vor dem reinen, einfachen Begehren gesch\u00fctzt werden musste, <\/em>konnte sie&nbsp; h\u00f6chstens<em> von diesem Begehren ausgehen und es dann irgendwie \u00fcberwinden <\/em>(77). Er ist sich dar\u00fcber im Klaren, dass die Arbeit im Atelier <em>distanzierte Intimit\u00e4t<\/em> voraussetzt. Folgerichtig schlie\u00dft er, bei seinem Probelauf, um Erfahrungen zu sammeln, ein Modell <em>mit zu viel Sch\u00f6nheit<\/em> aus.<em> Zu wenig w\u00e4re andererseits betr\u00fcblich gewesen<\/em>. <em>Was Jasper Gwyn suchte, war eine Frau, die man gerne anschaute, doch nicht so sehr, dass man sie schlie\u00dflich begehrte<\/em> (77). Die korpulente Rebecca mit dem wundersch\u00f6nen Gesicht, f\u00fcr die er sich entscheidet und die ihm zugesagt hat, erf\u00fcllt diese Voraussetzungen. In einem Telefongespr\u00e4ch mit seinem Verleger (79) meint er: <em>Er stellte sich vor, wie die rettungslose Sch\u00f6nheit ihres Gesichts ein Begehren weckte, das ihr K\u00f6rper dann langsam, tr\u00e4ge und gr\u00fcndlich <\/em>widerlegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am ersten Arbeitstag von Rebecca l\u00e4sst Gwyn sie warten und taucht in den vier Stunden, die&nbsp; sie nackt im Atelier zur Verf\u00fcgung steht, \u00fcberhaupt nicht auf. Den Grund daf\u00fcr erf\u00e4hrt man nicht. Die Leserschaft kann sich entscheiden, ob er das tut, damit sich das M\u00e4dchen mit der Nacktheit im Atelier vertraut machen kann, oder ob er damit die Spannung, was geschehen wird,&nbsp; bei der Verlagspraktikantin, die ihn bewundert, steigern m\u00f6chte. Gwyn ist am n\u00e4chsten Tag vor ihr im Atelier und dreht ihr beim Ausziehen den R\u00fccken zu (das Zusehen erschien ihm <em>unfein<\/em> 98), registriert dann die \u00fcberraschend <em>kleinen Br\u00fcste<\/em> und die <em>verborgenen Muttermale<\/em> verzichtet aber auf weitere intime Details. Denn ihm ist das schreibk\u00fcnstlerische Anliegen,<em> die Gesamtheit zu verstehen, diese Gestalt, die aus noch zu kl\u00e4renden Gr\u00fcnden keinen Zusammenhang zu haben schien, zu irgendeiner Einheit zur\u00fcckzubringen <\/em>(99). Noch glauben wir der&nbsp; von Baricco offerierten zweckdienlichen N\u00fcchternheit der Arbeit seines Protagonisten im Atelier.&nbsp;Bei der Darstellung dessen, was im Atelier geschieht, wird die Schreibweise Bariccos aber zunehmend ambivalent. Das hei\u00dft, so unschuldig, wie sich das Ganze anf\u00e4nglich darstellt, bleibt es nicht. So begibt&nbsp; er sich an diesem Tag, nachdem Rebecca gegangen ist, auf das eben noch von Rebecca ben\u00fctzte Bett, und legt seinen Kopf in die Vertiefung des Kissens, die sein Modell hinterlassen hat (99). Einerseits wird Baricco weiter mit dem Motiv der unschuldigen Herangehensweise seiner m\u00e4nnlichen Hauptfigur arbeiten, die Optik der Gl\u00fchbirnen und die Akustik der Hintergrundmusik ist ganz auf den Modus \u201ekindlich\u201c hergerichtet, gleichzeitig er\u00f6ffnet er seinen Lesern und Leserinnen einen reizenden Projektionsraum. Ein Beispiel daf\u00fcr liefert er gleich am n\u00e4chsten Tag, an dem er beides m\u00f6glich macht.&nbsp; Da l\u00e4sst er seinen Protagonisten einen Notizzettel am Holzfu\u00dfboden anheften, sich dabei niederb\u00fccken und zu Rebecca hochblicken, die unmittelbar vor ihm nackt an der Wand lehnt. <em>Rebecca blickte ihn direkt an. Es war ein sanfter Blick, ohne Absichten. Sie verharrten reglos, starrten sich an, atmeten langsam<\/em> \u2026 <em>Dann schlug Jasper Gwyn die Augen nieder<\/em> (101). Nacktheit wird hier einerseits als <em>eine Art urspr\u00fcnglicher Zustand vor jedem Schamgef\u00fchl<\/em> vorgef\u00fchrt, eine Vorstellung, von der wir schon im Zusammenhang mit dem Urteil \u00fcber die Aktmodelle im Fotoband in der Galerie erfahren haben, andererseits wird der Kontext, in dem Nacktheit vorgef\u00fchrt wird, so aufgebaut, dass es, wenn man sich die Szene mit Jasper und Rebecca vergegenw\u00e4rtigt, schwer f\u00e4llt, die erotisch-sexuelle Komponente nicht mitzudenken. So wie das auch sein Verleger-Freund Tom tut, als er von Rebecca, die zwischendurch auch im Verlag arbeitet, erfahren m\u00f6chte, wie Jasper sich im Atelier ihr gegen\u00fcber benimmt. Es sind dieselben Fragen und Phantasien, die auch wir als Leser und Leserinnen haben.&nbsp; Ein weiteres Beispiel findet sich auf Seite 107. Einmal, w\u00e4hrend Rebecca in Seitenlage schl\u00e4ft, schiebt er einen Sessel an das Fu\u00dfende des Bettes, betrachtet sie aus einer N\u00e4he <em>wie nie zuvor<\/em>&nbsp; und <em>mustert<\/em> Details (die <em>K\u00f6rperfalten, die Nuancen der wei\u00dfen Haut<\/em>). Diese <em>Kleinigkeiten<\/em> braucht er, wie er bekennt,&nbsp; f\u00fcr sein Portrait gar nicht. Der Leserschaft d\u00fcrfen sie, damit wir uns ein genaueres Bild von dieser pikanten Situation machen k\u00f6nnen,&nbsp; freilich nicht vorenthalten werden. Als Rebecca die Augen aufschl\u00e4gt, schlie\u00df sie unwillk\u00fcrlich die Beine, \u00f6ffnet sie dann aber langsam wieder. Jasper rechtfertigt dieses Betrachten aus n\u00e4chster N\u00e4he damit, dass er dadurch <em>eine heimliche N\u00e4he<\/em> gewann, die <em>ihn viel weiter brachte<\/em> (108). Wie erotisch die Szene in der Wirkung auf Rebecca aufgeladen ist, zeigt sich wenig sp\u00e4ter, als Jasper seinerseits eingeschlafen ist, sie nach dem Ende der Sitzung aus dem Bett steigt, sich noch vor dem Anziehen nackt dicht neben ihn hinstellt, bis ihre H\u00fcfte die herabh\u00e4ngende Hand fast ber\u00fchrt und sich die Finger dieses Mannes an ihrem Geschlecht denkt (108). Ein anderes Mal (111) pr\u00e4sentiert sich Rebecca nach einer Liebesnacht mit ihrem Freund, um Jasper herauszufordern, <em>voller Sex am K\u00f6rper<\/em> im Atelier <em>(Heute kriegst du mich so, mein lieber Jasper Gwyn, mal sehen, welch eine Wirkung das auf dich hat<\/em>.). Baricco wei\u00df, was er tun muss, damit&nbsp; Gwyn darauf nicht reagieren muss. Er l\u00e4sst das Motiv ins Leere laufen, indem er&nbsp; Gwyn drei Tage verschwunden sein l\u00e4sst. Wieder ein anderes Mal w\u00fcnscht&nbsp; sich Rebecca, er m\u00f6ge sich ihr n\u00e4hern. Seine hartn\u00e4ckige Weigerung <em>sich das zu nehmen, was sie ihm ohne jeden Wiederwillen gew\u00e4hrt h\u00e4tte<\/em>, entt\u00e4uscht sie. Ihr Versuch ihn&nbsp; zu verf\u00fchren, scheitert aber kl\u00e4glich. <em>Immer war er es, der zu einer schmerzlosen Distanz zur\u00fcckfand <\/em>(113). Rebecca masturbiert sogar einmal und h\u00e4tte nichts dagegen, wenn ihr Jasper dabei zus\u00e4he (115), aber wieder einmal erscheint Gwyn nicht im Atelier. In ihrer Frustration phantasiert sie sich sogar die Anwesenheit eines zweiten Mannes zusammen (116). Schlie\u00dflich&nbsp; hat sie sich f\u00fcr das intime Arrangements mit ihm im Atelier etwas ausgedacht, mit dem sie bez\u00fcglich des Ungleichgewichts der intimen Situation besser zurechtkommen kann.&nbsp; Sie zieht ihm, wie sie es bei einem <em>Kind<\/em> getan h\u00e4tte, das Jackett aus, streift ihm sein Hemd ab und zieht ihm auch Schuhe und Socken aus, was er alles geschehen l\u00e4sst.&nbsp; Das findet sie jetzt <em>viel pr\u00e4ziser<\/em> (121). Auch in dieser pikanten Situation f\u00e4hrt Baricco den Beziehungsmodus&nbsp; auf unschuldig und nativ herunter und bremst damit m\u00f6gliche Phantasien von uns Lesern ein (?). In der Nachbesprechung, als Rebecca ihr Portrait gelesen hat, fasst sie die Erkenntnisse der Zusammenarbeit mit Gwyn und ihren Umgang mit der Nacktheit ihm gegen\u00fcber zusammen. Mit dieser Reflexion gelingt es Rebecca, deren Verhalten Baricco lange Zeit nach dem Klischee der triebgesteuerten und dem Mann durch ihre Initiative gef\u00e4hrlich werdenden Weib organisiert, ihre Lust zu sublimieren und in eine zivilisiert vorgetragene&nbsp; Klage umzum\u00fcnzen \u00fcber die nicht ausgef\u00fcllte Distanz zwischen Gwyn und seinen Auftraggebern,&nbsp; die unter den Umst\u00e4nden dieser Art von Portraitsitzungen besonders schmerzhaft erlebt w\u00fcrde. Nach so viel Sublimationsarbeit k\u00f6nnen die Rebecca vom letzten Portrait-Modell triumphierend berichteten leidenschaftlichen Sexszenen mit Gwyn, deren Wahrheitsgehalt nie aufgekl\u00e4rt wird, eine umso gr\u00f6\u00dfere Wirkung entfalten. Ob man mit Gwyn jetzt wider Erwarten doch einen \u201etollen Hecht\u201c vor sich hat, der es mit einer Neunzehnj\u00e4hrigen aufnimmt: Wir werden es nicht erfahren. Klug von Baricco war es allemal, die&nbsp; berufliche Neuorientierung seines Protagonisten rechtzeitig&nbsp; abzubrechen und sich aus dem Staub zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>FAZIT&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr literaturaffine Leser du Leserinnen h\u00e4lt der&nbsp; Roman von Alessandro Baricco, der von einem Geschehen&nbsp; in einem Zeitraum von \u00fcber sechs Jahren erz\u00e4hlt, ein \u00dcberangebot bereit von&nbsp; reizenden Motiven, \u00dcberraschungen, Versteckspielen, dunklen auf existenzielle Grundbefindlichkeiten bezogene Chiffren, welche die Neugier aufrecht halten, und vielen Projektionsr\u00e4umen mit der Einladung, sie mit eigenen Vorstellungen zu f\u00fcllen. Auf 230 Seiten, nahezu der H\u00e4lfte des Textes in schn\u00f6rkelloser Sprache verfassten Dialogen,&nbsp; spielt er die phantastische Idee durch, dass Menschen, die durch die Zw\u00e4nge der Zivilisation zu Bruchst\u00fccken ihrer selbst geworden sind,&nbsp; mit Hilfe seines Protagonisten, &nbsp; geholfen werden kann, ihre Einheit wiederzufinden. Im realen&nbsp; Leben nehmen Menschen dazu gew\u00f6hnlich die Dienste eines Psychotherapeuten in Anspruch, die eines P\u00e4dagogen oder auch eines Priesters, Berufe, die Gwyn selbst ins Spiel bringt (126). Das Phantastisch-Bizarre bei Bariccos Plotidee besteht in der Idee, dieses Ziel auch mit Hilfe eines neuen Gesch\u00e4ftsmodells erreichen zu k\u00f6nnen, bei dem ein&nbsp; erfolgreicher Autor seine in der Welt der Fiktionen (der Literatur)&nbsp; bew\u00e4hrten F\u00e4higkeiten ins reale Leben \u00fcbertr\u00e4gt. Mit der Annonce <em>Schriftsteller verfertigt Portraits <\/em>undder Inanspruchnahme seines Dienstes durch Kunden in seinem Atelier expediert Baricco&nbsp; seinen Helden aus der Welt der Fiktion hinaus in die Realit\u00e4t mit realen Personen, in der andere Gesetze gelten, unter denen sich&nbsp; eines solches&nbsp; Vorhaben erst noch bew\u00e4hren muss. Die mit therapeutischer Zielsetzung seitens des Anbieters unternommene Anfertigung von Portraits auf Bestellung in Form einer Geschichte f\u00fcr singul\u00e4re Kunden und die sich im Rahmen der Aktsitzungen und nach der Lekt\u00fcre einstellende Selbsterkenntnis als grandiose Wirkung seitens der Auftraggeber sind eine fantastische Idee von der m\u00f6glichen Wirkung einer solchen Therapieform, die jetzt freilich an der Wirklichkeit gemessen werden m\u00fcsste. Dabei m\u00fcssten als die&nbsp; Variablen f\u00fcr die im Roman ausgemalte Wirkung die Nacktheit einerseits&nbsp; und der Portrait-Text andererseits auseinandergehalten werden. Zur Nacktheit (auch der seelischen) als Therapieform lie\u00dfe sich einiges ergoogeln.&nbsp; Auf diese prosaische Ebene sollte die Idee des Literatur-Menschen Baricco&nbsp; wohl nicht heruntergebrochen werden? Bleibt sie im Rahmen der Fiktion, entfaltet sie jedenfalls einen nicht geringen Reiz, zumal in der Verbindung \u00fcber das&nbsp; Signalwort <em>kindlich<\/em>, mit dem Baricco die Atmosph\u00e4re (Beleuchtung und Hintergrundmusik) und Vorg\u00e4nge im Atelier (<em>Nacktheit als ein Zustand vor jeder Scham<\/em>) einf\u00e4rbt. Das bewirken&nbsp; ebenso die auf \u201eunschuldig\u201c heruntergedimmten, auch religi\u00f6s konnotierten Ber\u00fchrungsvorstellungen und -w\u00fcnsche bei Gwyn und seinen Auftraggebern, die an das Ph\u00e4nomen Heilung durch Ber\u00fchrung und&nbsp; Handauflegen denken lassen&nbsp; (mit dem Anklang wohl an den&nbsp; Himmelsleitervorschlag aus dem Neuen Testament <em>Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder<\/em>). Existenzialistisch gestimmte Leser und Leserinnen k\u00f6nnen sich durch die in der Formulierung j<em>emanden zur\u00fcck nach Hause zur\u00fcckbringen<\/em>&nbsp; anklingende metaphysische \u00dcberh\u00f6hung des Zieles und der erhofften Wirkung der Therapie angesprochen f\u00fchlen und Frauen, die mit ihrem K\u00f6rpergewicht unzufrieden sind, aufgebaut,&nbsp; wenn sie nachverfolgen, wie die korpulente Rebecca, die meint, dass ihr&nbsp; K\u00f6rper sie nurzu<em> kaputten Beziehungen<\/em> pr\u00e4destiniert(110), ihr Leben in die Hand nimmt und sich am Ende ihrer T\u00e4tigkeit f\u00fcr Jasper vor dem Spiegel stehend sch\u00f6n und lebendig erlebt (189). Besonders reizvoll arbeitet Baricco mit dem Motiv des Verschwindens von Figuren, das schon&nbsp; auf der zweiten Seite des Romans angeschlagen wird (siehe Fu\u00dfnote 3). Gwyn&nbsp; hinterl\u00e4sst Rebecca nach dem Abbruch seiner T\u00e4tigkeiten als Portrait-Schreiber zwar Spuren seiner Existenz, bleibt aber f\u00fcr immer unauffindbar. Als Person ebenfalls nicht greifbar bleiben Klarisa Rode und der Inder Akash Nayaran, weil sie&nbsp; Pseudonyme f\u00fcr von Gwyn verfasste Texte sind, die im Rahmen des Plots eine bedeutsame Rolle \u00fcbernehmen. Raffiniert in das Romangeschehen eingearbeitet bleibt die wahre Autorschaft&nbsp; lange verborgen. Rebecca und die Leserschaft m\u00fcssen einige Detektivarbeit zu ihrer Aufdeckung leisten. Mit dem unbegr\u00fcndeten Verdacht, Gwyn habe einige Stellen bei seinen Portraittexten von ihnen abgeschrieben, sich also eines&nbsp; Versto\u00dfes gegen das Urheberrecht schuldig gemacht, ein aus aktuellen&nbsp; Politikerbiografien bekanntes Motiv,&nbsp; sorgt Baricco noch l\u00e4nger f\u00fcr Spannung.&nbsp; Im vorletzten Kapitel nimmt Baricco Rebecca ohne jede Anmerkung aus dem Spiel. Am Ende h\u00e4lt nur mehr ein sonderbarer Meteorologe, eine Figur aus dem&nbsp; Nachlass von Klarisa Rode, mit der Gwyn schon wieder ein Lebenszeichen von sich gibt, kurz die Stellung,&nbsp; bevor sich auch diese Figur in einer sternenklaren Nacht f\u00fcr immer verabschiedet. F\u00fcr Rebecca, die damit einen Hinweis auf das Verbleiben von Gwyn bek\u00e4me, ist es da schon zu sp\u00e4t. Ach ja, eine Liebesgeschichte ist der Roman von Baricco auch, halt in der noch traurigeren Variante von den zwei K\u00f6nigskindern, die es trotz der r\u00e4umlichen und emotionalen N\u00e4he, in der sie miteinander agieren, nicht schaffen zueinander zu finden. Und wer sich vielleicht \u00e4rgert, dass er keinen Einblick bekommen hat, was die Auftraggeber da in ihren Portraits lesen, der m\u00f6ge sich einmal noch die Plotlogik bewusst machen: Die Portraittexte bleiben&nbsp; den Auftraggebern vorbehalten. Wir Leser haben zwar den Roman gekauft, aber Gwyn nicht beauftragt, auch f\u00fcr uns ein solches Portrait anzufertigen. Uns bleibt eben nur das Schl\u00fcsselloch (auf dem Cover), durch das wir unsere Projektionen blasen, auch wenn die Konturen der Figuren und das, was sie da in ihren H\u00e4nden halten, dadurch ins Schwimmen geraten.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>geschrieben im Sommer 2021 Der folgende Text ist zuerst einmal eine ausf\u00fchrliche Inhaltsangabe; mit Bezug auf die Seitenzahlen in der deutschen Taschenbuchausgabe entweder im Flie\u00dftext, sofern die Textstellen nur kurz sind, oder in Form einer eigenen Fu\u00dfnote. Alle Zitate sind kursiv gesetzt. 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