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{"id":46,"date":"2016-06-12T20:11:27","date_gmt":"2016-06-12T20:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=46"},"modified":"2016-07-28T14:49:22","modified_gmt":"2016-07-28T14:49:22","slug":"begegnung-mit-dem-bosnischen-autor-dzevad-karahasan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-muehlbacher.com\/?p=46","title":{"rendered":"BEGEGNUNG MIT DEM BOSNISCHEN AUTOR DZEVAD KARAHASAN"},"content":{"rendered":"<h5><strong>Eine Literaturveranstaltung im Festsaal mit den 8. Klassen<\/strong><\/h5>\n<h4><span style=\"color: #ff9900;\">(ABGEDRUCKT IM JAHRESBERICHT DES MUSISCHEN GYMNASIUM 1998\/99)<\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 15. April 1999 war \u00fcber Vermittlung des Literaturhauses Eizenbergerhof der bosnische Autor Dzevad Karahasan am BG III zu Gast. Er hat w\u00e4hrend des Bosnienkrieges 1993 seine Heimat verlassen, lebt derzeit in Graz und bekleidet dort das Amt des Stadtschreibers. Er hat im Rahmen einer Literaturveranstaltung, an der alle 8. Klassen nach einer speziellen Vorbereitung durch ihre Deutsch-, Religions-, Geschichte- und GeographielehrerInnen teilgenommen haben, \u00fcber die Situation in seiner Heimatstadt Sarajewo vor, w\u00e4hrend und nach dem Krieg (1992 \u2013 1995) berichtet, einen Text aus seinem Essayband \u201eTagebuch der Aussiedlung\u201c (1993) vorgelesen und im anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch vor allem \u00fcber die Rolle der Literatur und Kunst in die Existenz gef\u00e4hrdenden Situationen und das Zusammenleben der Ethnien in diesem Vielv\u00f6lkerstaat gesprochen.<\/p>\n<p>Karahasan ist ein Autor, dessen Wort in ganz Europa etwas gilt. F\u00fcr sein essayistisches Werk ist er 1993 in Paris mit dem Charles Veillon-Preis ausgezeichnet worden. Eine Woche nach unserer Veranstaltung im Festsaal hat er im Deutschen Bundestag eine Rede \u00fcber die ambivalente Beziehung der M\u00e4chtigen dieser Erde zu den B\u00fcchern gehalten. Dort wie bei uns hat er auf denselben unheilvollen totalit\u00e4ren Geist aufmerksam gemacht, der 1933 im Deutschen Reich zur B\u00fccherverbrennung gef\u00fchrt hat und 1992 in Sarajewo die in der Zeit der \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie im Jugendstil erbaute Nationalbibliothek in Brand schie\u00dfen lie\u00df. Wenn Ethnien entscheidend getroffen werden sollen, dann werden \u2013 oft auch vor ihrer physischen Vernichtung \u2013 deren geistige Produktionen, also die Literatur und Kunst, vernichtet, weil diese Identit\u00e4tskonzentrate und Identifikationsobjekte ganz besonderer Art darstellen. Neben seinen Essays hat Karahasan Erz\u00e4hlungen, Theaterst\u00fccke und bisher zwei Romane geschrieben (Der \u00f6stliche Diwan 1989; Schahrijars Ring 1997), die man f\u00fcr so bedeutsam h\u00e4lt, dass sie in den Feuilletons so renommierter Bl\u00e4tter wie der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung, der Zeit usw. rezensiert werden.<\/p>\n<p>\u00dcber einen auf die Gro\u00dfleinwand projizierten Dokumentarfilm \u00fcber Sarajewo (\u201eIntercity\u201c \u2013 Mein Sarajewo; mit Ivica Osim; 3sat v. 9.4. 1999) wurden die Teilnehmer dieser Literaturveranstaltung in die Hauptstadt Bosniens versetzt und bekamen eine atmosph\u00e4risch dichte Vorstellung von dem unvorstellbaren Leid der Einwohner, aber auch von der Faszination dieser Stadt, die nicht zuletzt auf dem viele Jahrhunderte w\u00e4hrenden Zusammenleben vieler Ethnien und deren Kulturen gr\u00fcndet. Seine Besonderheit und Funktion bei der Identit\u00e4tsfindung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in diesem Verband beschreibt Karahasan mit folgenden Worten:<\/p>\n<p><em>Das bosnische Kultursystem, in seiner reinsten Form und von allen m\u00f6glichen Kultursystemen am konsequentesten gerade in Sarajewo realisiert, lie\u00dfe sich einigerma\u00dfen treffend mit dem Attribut dramatisch bezeichnen. Die Grundprinzipien dieses Systems sind den dem Drama zugrunde liegenden Prinzipien verwandt und lassen sich im Vergleich mit ihnen begreifen. Das hei\u00dft, das Grundverh\u00e4ltnis zwischen den Elementen des Systems ist das einer oppositionellen Spannung [. . .] die Elemente finden Eingang in die Struktur des Systems [. . .], ohne ihre uranf\u00e4ngliche Natur bzw. eine der Eigenschaften einzub\u00fc\u00dfen, die sie au\u00dferhalb des durch sie konstituierten Systems besitzen. [. . .] Grundkennzeichen eines zu konstituierten Kultursystems ist der Pluralismus, und damit stellt es genau das Gegenteil eines monistischen [. . .] Kultursystems dar, wie es noch immer in den gro\u00dfen St\u00e4dten des Westens vorherrscht, in denen es zu Vermischungen der Religionen, Sprachen und V\u00f6lker kommt wie seinerzeit in Sarajewo. W\u00e4hrend im dramatischen Kultursystem das Grundverh\u00e4ltnis in der Spannung besteht, in der beide Faktoren dieses Verh\u00e4ltnisses ihre prim\u00e4re Natur behaupten, ist im monistischen System das Grundverh\u00e4ltnis ein gegenseitiges Ausschlie\u00dfen oder Verschlingen oder [. . .] das Aufgehen des Niederen im H\u00f6heren, des Schw\u00e4cheren im St\u00e4rkeren. Jedem Menschen im dramatischen Kultursystem dient der andere notwendigerweise als Beweis der eigenen Identit\u00e4t, weil sich die eigene Besonderheit nur vor der Besonderheit des anderen erweist und artikuliert, w\u00e4hrend in einem [monistischen System] der andere nur scheinbar der andere ist, in Wirklichkeit aber ein maskiertes Ich bzw. ein in mir enthaltener anderer, denn die kontrastierten Fakten sind in Wirklichkeit eins [. . .].<\/em> <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Auf Grund der Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse der Ethnien in Karahasans Heimat w\u00e4hrend des letzten halben Jahrtausends wird man in der Tat von einem Pluralismus sprechen k\u00f6nnen, f\u00fcr den das vielt\u00fcrmige Sarajewo <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> der sichtbarste Ausdruck ist. Innerhalb eines in gewisser Weise austarierten Gleichgewichts- und Ruhezustandes wird man den Pluralismus so, wie Karahasan das tut, mit der Identit\u00e4tsfindung <em>notwendigerweise<\/em> in Verbindung bringen k\u00f6nnen. Das Problem liegt im \u201enotwendigerweise\u201c. Die Identit\u00e4tsfindung durch die Begegnung mit dem Anderen ist, wie Karahasan selbst einr\u00e4umt, ein von der Geschichte erzwungener Begleitumstand, also ein f\u00fcr die Sozialisation dieser V\u00f6lker schwieriger Kontext, in dem lebend, wie es scheint, aus der Not die Tugend der mehr oder weniger friedlichen Koexistenz entwickelt worden ist. Das Zusammenleben der Ethnien im Vielv\u00f6lkerstaat Bosnien kann nun eine so harmonisches der fruchtbaren Spannung nicht gewesen sein, eher ein gespannt &#8211; furchtbares, das sich, angeheizt auch in der Literatur als einem Ph\u00e4nomen des Vorkrieges im realen Krieg entladen hat. Ivo Andric aus Bosnien, der Nobelpreistr\u00e4ger des Jahres 1961, l\u00e4sst in einer Erz\u00e4hlung, die im Jahre 1920 spielt, Max L\u00f6wenfeld, den in Sarajewo geborenen Sohn eines Arztes, der aus Wien in die bosnische Hauptstadt gekommen ist, seinen endg\u00fcltigen Abschied von Sarajewo wie folgt begr\u00fcnden:<\/p>\n<p><em>Vielleicht sollte man jeden B\u00fcrger Bosniens auf Schritt und Tritt, bei jedem seiner Gedanken und bei jedem seiner Gef\u00fchle, selbst der erhabensten, vor dem Hass warnen, vor diesem eingeborenen, unbewussten, endemischen Hass. Denn dieses zur\u00fcckgebliebene arme Land, in dem Menschen von vier verschiedenen Konfessionen zusammengedr\u00e4ngt leben, bedarf viel mehr gegenseitiger Liebe, gegenseitiger Toleranz als andere L\u00e4nder. In Bosnien ist aber vielmehr das allgemeine Missverst\u00e4ndnis, das zeitweise in offenen Hass \u00fcbergeht, beinahe das allgemeing\u00fcltige Charakteristikum seiner Einwohner. Die Abgr\u00fcnde zwischen den verschiedenen Konfessionen sind so tief, dass es nur dem Hass manchmal gelingt, sie zu \u00fcberspringen. Ich wei\u00df, dass man mir darauf antworten kann [. . .], man k\u00f6nne in dieser Hinsicht einen gewissen Fortschritt feststellen; die Ideen des neunzehnten Jahrhunderts h\u00e4tten auch hier das Ihrige getan [. . .]. Ich f\u00fcrchte aber, das stimmt nicht ganz. (Ich habe, so scheint mir, in diesen paar Monaten die tats\u00e4chlich bestehenden Beziehungen zwischen den Menschen verschiedener Konfession und verschiedener Nationalit\u00e4t in Sarajewo ganz gut gesehen!). Man wird auch weiterhin publizieren und bei jeder Gelegenheit sagen: \u201eWelch Glaubens immer \u2013 wir sind Br\u00fcder\u201c oder \u201eNicht wie einer sich bekreuzigt, ist wichtig, sondern wessen Blut in seinem Herzen flie\u00dft\u201c. \u2013 \u201eSei stolz auf das Deine, aber achte das Fremde\u201c und \u201eDie integrale Volksvereinigung kennt weder Unterschiede der Religion noch des Stammes\u201c. Aber von jeher hat es in den b\u00fcrgerlichen Kreisen Bosniens genug an l\u00fcgnerischer H\u00f6flichkeit gegeben, an klugem Betrug und Selbstbetrug mit klingenden Worten und leerem Zeremoniell. Dies mag den Hass verstecken, aber es beseitigt ihn nicht und hindert ihn nicht daran zu wachsen. Ich f\u00fcrchte, dass unter dem Deckmantel all dieser Maximen in diesen Kreisen alte Triebe und Kainspl\u00e4ne schlummern und dass sie so lange leben werden, bis die materiellen und geistigen Bedingungen des bosnischen Lebens von Grund auf ver\u00e4ndert werden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hlung ist nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung in der von Gau\u00df herausgegebenen Anthologie auch in anderen Textsammlungen abgedruckt worden. Bald sah man in ihr, was der Herausgeber nicht beabsichtigt hatte, eine Art Kassandraruf und las sie als die d\u00fcstere Prophezeiung eines unabwendbaren bosnischen Schicksals. Verl\u00e4ssliche Aussagen \u00fcber das reale Zusammenleben der vielen V\u00f6lker in Bosnien sind, wie mir Karl Markus Gau\u00df, einigerma\u00dfen vertraut mit der Literatur- und Kulturszene in dieser Region, best\u00e4tigt hat, nicht leicht zu erhalten. Sie sind je nach ethnischer Herkunft, politisch-konfessioneller Ausrichtung und \u00dcberzeugung entsprechend gef\u00e4rbt und kommen zu ganz kontr\u00e4ren Urteilen. Am ehesten wird man das Zusammenleben der Ethnien und Konfessionen auf die Formel der mehr oder weniger friedlichen Koexistenz bringen k\u00f6nnen, die im allt\u00e4glichen Austausch, in kulturellen \u00dcbereink\u00fcnften eine gemeinsame Kultur und mit ihr zu einer bosnischen Identit\u00e4t nicht im Sinne einer supranationalen Konstruktion, wohl aber in Gestalt einer stetigen kulturellen Interaktion gef\u00fchrt hat <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Wie immer sich das Alltagsleben der vielen V\u00f6lker in Bosnien konkret abgespielt hat, eine leise Ahnung von den komplizierten Verflechtungen, worauf auch Karahasan entschieden hingewiesen hat, bekommen wir auch dann, wenn \u00fcber die Figurensprache in Andrics Erz\u00e4hlung und der Analyse in Karahasans Essay f\u00fcrs erste einmal einander ausschlie\u00dfende Ansichten vorgestellt werden. Karahasan, mit dem \u201eBrief aus dem Jahr 1920\u201c konfrontiert, lie\u00df sich seine Modellvorstellung vom fruchtbaren Zusammenleben der Ethnien nicht zerst\u00f6ren und l\u00f6ste den Widerspruch mit der Analyse in dem Text von Andric, indem er darauf aufmerksam machte, dass man die Urteile von (fiktiven) Figuren in einer Erz\u00e4hlung weder auf den Erz\u00e4hler noch auf den Autor (Andric) hochrechnen darf. Dem kann man vom germanistischen Standpunkt nicht widersprechen. Was aber Karahsan nicht gesagt hat oder nicht zur Kenntnis nehmen wollte, ist, dass sich der Erz\u00e4hler in keiner Weise von den Aussagen des Arztes distanziert und das Argument, dass der Tod des Arztes im spanischen B\u00fcrgerkrieg, an dem teilzunehmen ihn seine moralischen Grunds\u00e4tze verpflichtet haben, gleichsam eine Falsifikation seiner Bosnienanalyse darstellten, nicht schl\u00fcssig ist. Auf jeden Fall bestritt Karahasan, dass der kostbar-fragile Komplex dieses multiethnischen und multikonfessionellen Zusammenlebens nun nach dem Abkommen von Dayton von den Fanatikern einer ethnischen Homogenit\u00e4t (endg\u00fcltig) zerst\u00f6rt sei.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Zumindest f\u00fcr die Hauptstadt treffe das in Mitteleuropa gezeichnete Bild von den nach dem Krieg reinen ethnischen Arealen (zuletzt auch in den SN vom 14. 4. 1999) nicht zu. Uns w\u00fcrde es freuen, wenn diese Aussage Karahasans nicht nur f\u00fcr die Metropole, sondern, wie er angedeutet hat, auch f\u00fcr andere Landesteile zutrifft oder in der Zukunft wieder einmal zutreffen wird.<\/p>\n<p>Das Urteil Karahasans \u00fcber den gefr\u00e4\u00dfigen Pluralismus des Westens ist bedenkenswert und trifft z.B. im Hinblick auf das langsame Verschwinden und Ausl\u00f6schen mancher Minderheitensprachen und \u00fcberhaupt hinsichtlich des Umgangs des Westens mit kulturellen Hervorbringungen unserer Minderheiten sicher zu. Dass es in den gro\u00dfen Metropolen Europas in einem gewissen Umfang zu Vermischungen der Religionen, Sprachen und V\u00f6lker kommt, wissen wir aus eigener Erfahrung und Anschauung. Innen- und Asylpolitik beobachten diese Prozesse mit Argusaugen, wollen multiethnische und multikonfessionelle Verh\u00e4ltnisse in der Gr\u00f6\u00dfenordnung der Eckdaten wie im heutigen Bosnien verhindern und insgesamt ein \u201emonistisches\u201c Kultursystem im Sinne Karahasans sicherstellen. In ihnen \u00e4u\u00dfert sich dieselbe v\u00f6lker\u00fcbergreifende Angst vor dem Fremden, die in Europa auch mit dem schlechten Gewissen im Zusammenhang mit einem jahrhundertelang erfolgreich gef\u00fchrten Kolonialismus und seinen Sp\u00e4tfolgen zu sehen ist. Diese wird man wohl nur mit den Grunds\u00e4tzen einer gerechten und global wirksamen G\u00fcterverteilung in den Griff bekommen und nicht mit zentripetalen Wanderungsbewegungen. Die erste Option erscheint aus heutiger Sicht die sinnvollere, weil vermutlich friedfertigere.<\/p>\n<p>Der Erfolg eines aus der geschichtlichen Not entstandenen Pluralismus und sein Beitrag zur Identit\u00e4tsfindung des Menschen ist nun aber genauso an der Realit\u00e4t zu messen wie die Funktion des Pluralismus westlicher Pr\u00e4gung, der oft genug nur mehr zu einem des Konsums von Waren, Ethnien und Kulturen verkommen ist. Die Identit\u00e4tsfindung durch die Auseinandersetzung mit dem ganz Anderen, dem Fremden, ist, wie das bosnische Beispiel und \u00fcberhaupt die Vorg\u00e4nge auf dem Balkan zeigen, genauso keine Garantie f\u00fcr den gelingenden Prozess der Zivilisation wie die durch einen ungehemmten Konsumismus herbeigef\u00fchrten Identit\u00e4tsverluste und das damit verbundene k\u00e4ltere soziale Klima im Westen.<\/p>\n<p>Karahasan ist ein versierter Erz\u00e4hler; und ohne hier einen Zusammenhang herzustellen, sei doch angemerkt, dass es bis vor etwa 30 Jahren in den bosnischen Bergd\u00f6rfern noch die Einrichtung des Geschichtenerz\u00e4hlens gab. Und Karahasan hat viel mit dem Theater zu tun. Seit 1986 lehrt er in Sarajewo an der dortigen Akademie f\u00fcr szenische K\u00fcnste Dramaturgie und Dramengeschichte. Wir merkten dies an der mimisch und gestisch unterst\u00fctzten Lebendigkeit seines Vortrags in fehlerfreiem Deutsch, von dem er sagt, es sich vor allem durch die Lekt\u00fcre guter Literatur angeeignet zu haben. Er erwies sich \u00fcberdies auch als profunder Kenner der europ\u00e4ischen, insbesondere der deutschsprachigen Literatur Mit gro\u00dfer \u00dcberzeugungskraft schilderte Karahasan, wie die Besch\u00e4ftigung mit Kunst seinen Erfahrungen nach wie ein warmer, dunkler Mutterleib davor sch\u00fctzt, dass man seinen Verstand nicht verliert, nicht gleichg\u00fcltig wird, mit einem Wort die Menschenw\u00fcrde bewahrt. Seine scheinbar widerspr\u00fcchliche und fast magisch beschw\u00f6rende Beschreibung und Bewertung des Lesens als einer Kommunikation in begl\u00fcckend-vornehmer Einsamkeit \u00fcber alle Zeiten und V\u00f6lker und Grenzen hinweg lie\u00df keinen im Festsaal unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten Dzevad Karahsan, der f\u00fcr seinen Bosnienbericht und seine Thesen \u00fcber die Funktion der Literatur und Kunst, zumal in existenziellen Gefahrensituationen, von unseren Maturanten einen starken und lange andauernden Applaus erhalten hat, w\u00fcnschen, dass die n\u00e4chste Zukunft in Bosnien sein Pluralismus-Modell von unserem vielleicht vorschnell ausgesprochenen Verdacht eine idealtypische Konstruktion zu sein befreit und seine Lebensf\u00e4higkeit best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Dzevad Karahasan: Sarajewo \u2013 Portr\u00e4t der inneren Stadt; in: Tagebuch der Aussiedlung 1993, S.12 ff<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> katholische Kathedrale und Kirchen; orthodoxe Gottesh\u00e4user; Moscheen und m\u00f6glicherweise noch eine Synagoge; die Zahl der vor dem Krieg in der Hauptstadt lebenden Juden ist von 5000 auf 200 nach dem Krieg gesunken.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ivo Andric: Brief aus dem Jahr 1920; in : Das Buch der R\u00e4nder. Hrsg. K. M. Gau\u00df 1992; S. 19; 35f; nach dem Urteil von Gau\u00df ist Andric ein \u201egetreuer Chronist der heroischen Versuche, in Bosnien stets auf neue Br\u00fccken zu bauen, und entsetzter Zeuge der barbarischen Praxis, sie immer wieder einzurei\u00dfen\u201c; nachzulesen in seiner Besprechung zur Neuauflage des ber\u00fchmten Romanes von Andric \u201eDie Br\u00fccke \u00fcber die Drina\u201c anl\u00e4sslich seines 100 Geburtstages \u201eDer Chronist Bosniens \u2013 Ivo Andric \u201eDie west\u00f6stliche Br\u00fccke\u201c \u2013 in: Die Zeit Nr. 42 v. 9. 10 1992; S. 77; diesen Geburtstag hat man auf dem Balkan \u00fcbergangen, weil sich der Autor auf Grund seiner Begeisterung f\u00fcr seine bosnische Heimat und des von ihm nicht verschwiegenen Hasses der Bev\u00f6lkerungsteile zueinander mit seinen Werken zwischen alle St\u00fchle gesetzt hat.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> so in einer Besprechung von K. M. Gau\u00df zu dem Buch von Ivan Lovrenovic (ein kroatischer Bosnier) \u201eBosnien und Herzegowina. Eine Kulturgeschichte. Aus dem Kroatischen \u00fcbersetzt von Klaus Detlef Olof 1998; ein nach der Einsch\u00e4tzung von Gau\u00df wissenschaftlich seri\u00f6s geschriebenes Werk, das im nationalistischen, an einem Aufweis einer bosnischen Identit\u00e4t nicht interessierten Kroatien auf wenig Wertsch\u00e4tzung stie\u00df; erschreckend in diesem Zusammenhang die unglaublichen Repressalien des offiziellen Kroatiens gegen\u00fcber unbotm\u00e4\u00dfigen Literaten und K\u00fcnstlern (wie derzeit ja auch in Serbien im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt); nachzulesen in der zitierten Rezension im Format 8 \/ 1998; S. 152f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> wie das zum Beispiel Ilma Rakusa in einer Rezension zu Karahasans essayistischem Werk in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung schon am 10. 3. 1995, S. 45 tut; nach dem Abstand von immerhin vier Jahren teilt auch Gau\u00df 1998 in der Besprechung zur Kulturgeschichte von Lovrenovic diese Ansicht und spricht vom \u201ezerst\u00f6rten Experiment\u201c (in Bosnien).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Literaturveranstaltung im Festsaal mit den 8. 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